Home | Alltag | Alpträume




Was ist das eigentlich? Heute früh um drei hab ich mich das gefragt. Im Lexikon steht: auch Alpdruck; unter A.traum werden Angsterlebnisse im Schlaf oder Traum verstanden, die meist zu schreckhaftem Erwachen führen.
Achwas. Das weiß ich bestimmt besser als der dusslige Mensch, der für diesen Eintrag verantwortlich ist. Eigentlich interessiert es mich eher, ob das Phänomen auch physisch erklärbar ist. Irgendwelche Hormone, die da verrückt spielen. Oder irgend jemand hat mir mal gesagt, er kriegt immer welche, wenn er vor dem Einschlafen was gegessen hat. Mein Magen knurrt wie Hölle. Aber vielleicht funktioniertīs ja auch umgekehrt. Ich hol mir Schoko, da hat mein Magen was von und außerdem soll Schoko ja auch glücklich machen.

Eineinhalb Stunden später wache ich zum x-ten Mal schweißgebadet auf, mit einem leichten Keuchanfall. Die Panik geht nicht weg. Das war einer der ganz fiesen Sorte. Was jetzt? Wenn ich einschlafe und noch so ein Ding hab, dann ist der Tag gelaufen. In vier Stunden muss ich zur Uni, danach kann ich mich wohl eintüten mit zwei Stunden Schlaf. Ich bin das nicht mehr gewöhnt. So wenig Schlaf. Und das geht jetzt seit fünf Tagen so. Passiert mir ab und zu. Nix Wildes. Geht schon wieder weg. Aber diesen Tag, den muss ich irgendwie überstehen.
Auf einmal fällt mir das Sorgentelefon ein. Ich mein, man denkt so nie daran, aber das ist ja eigentlich auch für uns alle, auch für mich. Nicht nur die anderen. Und wenn die dafür bezahlt werden... Außerdem bin ich neugierig. Was da wohl so für Menschen dran sind, am Telefon? Die nette Frauenstimme bei der scheiß-teuren Auskunft gibt sich besonders viel Mühe und schaut noch länger nach, als ich sie frage, ob es denn nicht noch andere Sorgentelefone gibt als die evangelische und katholische. Ich hätte natürlich auch da anrufen können, aber gerade bin ich nicht so witzig drauf.
Sie gibt mir eine kostenlos-Nummer eines allgemeinen Sorgentelefons. Was immer das auch sein mag. Ich wähle und überlege, was ich wohl sagen soll. "Ja, hallo, das wird ein leichter Call für sie: sie brauchen mich lediglich nur so lange nett vollzulabern, bis ich eingeschlafen bin."
Es ist besetzt. Es ist BESETZT? Es ist 4 Uhr dreiundvierzig an einem Freitag Morgen und das allgemeine Sorgentelefon ist BESETZT?? Ich hätte ja mit allem gerechnet. Dass da ein AB rangeht und die Sprechzeiten ansagt, so von 10 bis 16 Uhr in der Woche, mit Mittagspause selbstverständlich, oder dass sie mir sagen, sie hätten sich um wichtigere Patienten zu kümmern als um jemanden, der Angst hat einzuschlafen, weil er mal schlecht geträumt hat, aber sowas?

Ich bin hundemüde. Ob ich es wagen soll? Die Chance, wieder hechelnd aufzuwachen stehen, so grob geschätzt, achtzig zu zwanzig. Scheiße, nein. Sobald ich ans Einschlafen denke, kriecht die Panik in mir hoch. Musik hilft da auch nicht, hab ich alles schon probiert. Allein heute war es Portishead, Chopin und der Soundtrack von City of Angels. Eine menschliche Stimme müsste es sein.
Scheiß Sorgentelefon. Was fällt denen ein? Glauben die, dass ich um fünf Uhr morgens mal so eben jemanden wachklingeln kann? Wen denn? Ich wähle die Nummer von einem Freund. Geht nicht ran. Und noch einmal. Ich laber den Ab voll. So hör ich wenigstens eine AB Stimme und meine eigene. Noch mal anzurufen trau ich mich nicht. Wenn es jetzt zwei Uhr wäre oder so. Dann würde der Mensch wenigstens hinterher noch ein paar Stunden Zeit haben zu schlafen. Ich meine, ich bin ja schon angekekst, wenn ich durchs Telefon wach gemacht werde. Wenn das aber auch noch drei oder weniger Stunden vor dem Aufstehenmüssen ist, bin ich richtig angenervt, denn dann kommt der Zeitdruck, der einen nicht einpennen lässt, und dann sind es zwei, eine.... Außerdem ist jetzt die Zeit, in der draußen laut rumgevögelzwitschert wird. Da kann man immer schlecht einschlafen. Und im Endeffekt bin ich dann total gerädert und natürlich stinksauer auf den Menschen, der jetzt friedlich vor sich hinschlummert mit dem Schlaf, den er mir geraubt hat. Naja, gut, vermutlich sind nicht alle Menschen so. Ich trau mich trotzdem nicht. Und noch einen Versuch zu Schlafen zu riskieren auch nicht. Am Schlimmsten ist die Panik. Nicht das, was da eigentlich passiert ist.

Dann hilft wohl nichts mehr. Ich stehe auf und mache mir erstmal einen Kaffee. Und versuche, im Netz irgendwas über Alpträume zu finden. Nichts. Außer die paar Bröckchen, die eh jeder Mensch weiß. Hat das denn noch niemand untersucht? Ich mein, vielleicht gibt's ja eine Pille dafür. Gegen Wechseljahreschweißausbrüche gibt's ja auch etwas. Jaja, Träumen ist wichtig und so, sonst könnte der Mensch nichts mehr verarbeiten und würde irre werden, aber dass man durch die Träume irre wird, kann ja nicht Sinn der Sache sein. Und krampfhaft mitten in der Nacht Leute antelefoniert, damit sie einem am Telefon was vorlesen auch nicht. Und Schlafentzug ist ganz schlecht. Na, dann hilft nur eines: Leid soll man ja teilen. Und wenn ich das nicht mit meinen Freunden tun kann, dann doch wenigstens mit den Nachbarn.
Ich lege Chopin rein, drehe voll auf, mache die Balkontür auf, gehe raus und schaue zu, wie die Sonne aufgeht. Das wird ein schöner Tag heute. Und schlafen werde ich eben nachmittags. Nachdem ich mich beim Sorgentelefon beschwert hab. Oder wozu ist das sonst da?


© 2002