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Sonntag früh.
Heute liebe ich es nicht, eine durchzechte Nacht zwar, überall müde Gesichter, aber die Luft nicht schwer von Rauch aus den Lungen und Bierdunst. Heute fühle ich nur Kälte. Es ist nass. Es ist noch dunkel. Und es schneit.

Die Melancholie des Wetters spürt man überall in den Strassen, in den Gesichtern. Mir ist so kalt. Ich habe schlechte Laune, die U-Bahn fährt noch nicht, der Nachtbus kommt zu spät und ich bin ein Eiszapfen. In ungefähr zehn Minuten zumindest. Ein verrücktes Wetter.
Heute früh wusste ich gar nicht, wohin mit mir, meiner guten Laune, meine Frühlingsgefühlen. Wohin spazieren gehen, bei dem schönen Wetter? Soviel Sonne wie schon seit Monaten nicht mehr. Und sie ist so warm, obwohl die Luft noch kalt ist. Es ist doch erst Februar. Aber der Frühling will schon kommen. Will den Winter und die Müdigkeit der Menschen vertreiben. Er meint es gut. Aber der Winter geht nicht. Das demonstriert er jetzt in aller Verrücktheit.
Ich wundere mich. Es ist doch eigentlich viel zu warm zum schneien. Aber der Winter ist trotzig. Will nicht gehen.

Ich stehe unter der Bushaltestelle und schaue auf die Flocken. Ein seltsames Schauspiel. Wenn man nur so hindurchstarrt wird einem schwindelig, so schnell fallen sie. Aber verfolgt man die Bewegung, das Fallen der vielen Flocken mit den Augen, dann wird auf einmal alles langsam. In Zeitlupe fallen die Flocken, die auf einmal dichter werden, viele grosse Flocken. Durch den dunklen Morgen. Und ich freue mich über diese Ruhe auf einmal, so plötzlich.
Ich steh da nur eine Viertelstunde, und das Schauspiel nimmt kein Ende. Herbst sagt auf einmal hallo, und die Flocken fallen schneller, immer schneller, werden nässer, werden zu Regen, bis es irgendwann so aussieht, dass jemand eine Frischhaltefolie vor die Bushaltestelle gespannt hat. So wie sie immer den Regeneffekt bei Jim Knopf improvisieren. Seltsam, dass etwas so reales viel irrealer erscheint als in irgendeinem Puppenspiel. Ich möchte meine Hand ausstrecken, um zu sehen, dass sich da doch niemand einen Scherz erlaubt hat. Um diese Wand zu durchstossen, eine Wand voll glitzerndem Regen. Oder doch eine Frischhaltefolie? Aber ich traue mich nicht; es stehen so viele Leute um mich herum. Die würden mich vermutlich für bescheuert halten.

Die Flocken sind weg, und nun donnert es. Ich habe noch nie im Winter Donner gehört. Das war vermutlich der Frühling. Jetzt stehts zwei zu eins für den Frühling. Ich halte zu ihm.


© 2001