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Campus - Woche für Woche

Es ist Samstag, 19 Uhr, und ich sitze elanvoll über meinen 156 Seiten altdeutscher Schrift und versuche zu ergründen, was Thomasiusī Auffassung aus dem 17. Jhd. über die Magie mit meinem Ästhetik-Studium zu tun hat. Aber ich werde nicht verzweifeln, denn es wird nicht mehr lange dauern, bis ich wieder einen meiner geistigen Höhenflüge erlebe und genau verstehe, was Magie mit der Aufklärung, was Aufklärung mit Ästhetik, und was Ästhetik mit meinem Afrikastudium zu tun hat. Denn schließlich habe ich erst letzte Woche entzückt aufgeschrieen, als in einem Aufsatz über das Studium der afrikanischen Geschichte der Autor Hegel zitierte, und Hegel hat schließlich was mit Ästhetik zu tun, und die ist wiederum eine Teildisziplin der Kulturwissenschaft. Überhaupt wollte ich nochmal nachlesen, was Hegel in diesem Aufsatz...
Aber erst werde ich mich weiter durch Thomasius quälen. Schließlich ist auf meinem Lernplan der Freitag für Extraarbeiten eingeteilt, und heute ist Samstag, 19 Uhr.

Aber die Höhenflüge, die habe ich wirklich. Regelmäßig verstricken sich die geistigen Inhalte meines Gehirns zu einem Ganzen, und dann verstehe ich plötzlich, warum Kants Kritik der reinen Vernunft unbedingt notwendig für das Verstehen vom Kolonialismus in Afrika ist. Dann erhebe ich mich und schwebe in einem satten Namedroppingflug durch mein Zimmer, besehe mir die vielen wunderbaren wissenswerten Bücher und denke, dass auch ich eines Tages in so ein wissenswertes Buch alles schreiben werde, was da so in meinem Kopf ist, und andere werden dann diskutieren, wie man diesen Inhalt mit der Metaphysik in Zusammenhang bringen kann. Jetzt könnte ich das nicht genau erklären, denn schließlich... Na ja, mit den Formulierungen tue ich mich immer etwas schwer.

O.k., der Thomasius Text bringt es jetzt gerade nicht, deshalb beschäftige ich mich lieber weiter mit den Problemen der Glottochronologie und Lexikostatistik und fühle mich unheimlich intellektuell, nicht zuletzt, weil ich ganz sicher bin, dass 99,9% der Menschheit der Erde keinen blassen Schimmer einer Ahnung hat, was das denn überhaupt ist:
"Die Glottochronologie will anhand zu errechnenden lexikalischen
Sprachwandels Aufschluss über historische Zeittiefen für die Trennung von
Sprachen geben und damit auch über deren genetische Beziehungen,
während die Lexikostatistik die mathematisch-statistische Berechnung des
Vokabulars im Hinblick auf vorhandene Cognata in den Sprachen darstellt."
*

Ich fühle mich gut.

Ich habe keine Ahnung, wie viele Wochen dieses Semester schon dauert und eigentlich ist das auch egal, unterscheidet sich doch die eine kaum von der anderen: Montag: 10-12 Swahili, 2 Stunden Pause, 14-16 Ästhetik der Aufklärung. Dienstag: Lesetag - genau wie Freitag. Wie sollte ich auch als beflissene Studentin sonst den Wust von 300 Seiten Lesestoff pro Woche bewältigen?
Weiter steht auf meinem Lernplan für Dienstag: Swahili Hausaufgaben, Kopieren!! Oh ja, das gehört zu den spannenden Dingen in der Woche, die mich wissen lassen, dass ich keinen Part in "Täglich grüßt das Murmeltier" eingenommen habe. Es gibt immer andere Gründe, weshalb ich es nie auf Anhieb schaffe, das nötige Textmaterial an mich zu bringen und ca. 7 Stunden in der Woche darauf verschwende (ich habe es ausgerechnet und in meinem Lernplan unter Dienstag, Mittwoch und Donnerstag eingeteilt).
Am Montag z.B. war es das Geld, was mir fehlte, um den ganzen Text über Adornos Begriff der Aufklärung zu kopieren (Na klasse! Sagte der Dozent nicht, zur nächsten Woche sei es etwas weniger zu lesen?!). Blöder Copy-Clara! Wäre Clara nämlich so günstig wie der Afri-Copy, wäre das nicht passiert. Aber eigentlich ärgere ich mich über mich selbst: Hättste das Geld eben mithaben sollen. Scheiß auf die Wenig-Geld-im-Portemonnaie-gleich-wenig-Geld-ausgeb
-Strategie. Schließlich wird von einer Studentin das nötige Geld erwartet, um so ein Studium durchzuziehen.

Am Dienstag gehe ich ganz früh los zum Afrikanischen Institut, denn ich brauche noch den Handapparat** für Ostafrika. Ausgetragen! Ein Mensch mit Namen Kaiser hat doch tatsächlich die Idee gehabt, morgens um Neun mit meinem Handapparat kopieren zu gehen. Macht ja nix. Ich laufe also in den Copy-Shop und mache mich zum Horst, weil ich jeden Menschen da frage, ob er zufällig der Kaiser wäre.
O.K., ich bleibe ruhig, weil ich ja noch den ganzen Tag für meine Swahili Aufgaben habe und laufe zu Copy-Clara, was zu Fuß heute nur zwanzig Minuten dauert, denn die Trams sind zwar mal wieder ausgefallen, aber es gibt seit neuestem einen Fußweg und man braucht nun nicht mehr den Riesenumweg um die Baustelle zu machen.
Im Copy-Clara finde ich nach viertelstündiger Suche Adorno und habe mir nach einer weiteren halben Stunde einen Kopierer ergattert. Um halb elf rausche ich also wieder zum Afrikanischen Institut. Wo, Herrgottnochmal, ist der Kaiser?? Es kann doch kaum zwei Stunden dauern ... Was nun? Bloß keine Zeit verlieren. Ich suche mir zusätzliche Literatur zur Lexikostatistik heraus, bin stolz auf mich, dass ich mich in dieser Schrankwandbibliothek zurechtfinde, und bilde mich. Eine halbe Stunde. Dann geb ich īs auf. Meine Swahili Hausaufgaben und ungefähr 127 schwarzbedruckte Blätter warten zu Hause auf mich.

Am Mittwoch muss ich arbeiten, deswegen steuere ich also das nächste Mal am Donnerstag Nachmittag das Regal mit den Handapparaten an. Mich trifft der Schlag: Der Handapparat Ostafrika steht nicht da und ist nicht ausgetragen! Ich beschließe, dass das nun inzwischen unter die Rubrik "Extraarbeiten" fällt, die ja für Freitag vorgesehen ist, und gehe erstmal Kaffee trinken.

Am Freitag quäle ich mich um 8 Uhr aus dem Bett und fühle mich gar nicht mehr so intellektuell wie siebeneinhalb Stunden vorher, als mir Eagleton aus 67 Seiten etwas von der sinnlichen Aneignung des Körpers erzählen wollte. Um halb Zehn in der Uni angekommen erwische ich gerade noch eine Frau, die mit dem Handapparat Ostafrika an mir vorbeirennen will. Ein Glücksfall!
Den Handapparat nicht aus den Augen lassend laufe ich hinter ihr her zum Afri-Copy und beschließe, klug wie ich bin, den ganzen Handapparat auf einmal zu kopieren, auch wenn das meine Geldration fürīs Wochenende aufbraucht und meinen Lernplan völlig umschmeißt, schließlich habe ich die eineinhalb Stunden pro Woche für "kopieren Ostafrika" schon in meinem Lernplan fest eingeteilt und dann heute ca. zwei Stunden weniger Zeit für Extraarbeiten. Aber man kann ja umdisponieren. Man ist ja flexibel.

Im Copy-Shop ist es super voll und die Hälfte der Kopierer kaputt. Ich brauche ungefähr eine halbe Stunde, um die Glückseligkeit über den Handapparat in meinen Händen zu verarbeiten, dann bin ich wirklich genervt. Nach einer weiteren halben Stunde stürzen die Frau und ich auf den ersten freigewordenen Kopierer, mit uns fünf andere. Kompromissbereitschaft ist angesagt, denn keiner weiß, wer zuerst da war, und ich hasse es, nicht skrupellos sein zu können. Da ich aber nach langer Unierfahrung weiß, dass andere es sind, schlage ich vor, dass die Reihenfolge nach Dauer des Kopierens festgelegt werden sollte. Wir kommen zuerst dran, weil wir versprechen, nur drei Texte im Schnelldurchlauf zu kopieren, die anderen haben alle Bücher, vorder- und rückseitig - die einzige Möglichkeit, noch an die Texte für nächste Woche zu kommen ohne sich zu prügeln oder den gesamten Tag im Copy-Shop zu verbringen.
Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder heulen soll, als ich endlich die 142 Seiten Imperialismustheorien für nächste Woche Ostafrika in der Hand halte. Es ist 11 Uhr und beschließe, nach Hause zu fahren. Na dann, bis nächste Woche!


*Sternemann, R., Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft, Berlin 1989, S. 262.
**Handapparat = im Idealfall enthält der H., meist in der Form eines Ordners, alle zu lesenden Texte für entsprechendes Seminar; zu finden in der Institutsbibliothek oder dem ansässigen Copy-Shop





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