Home | Alltag | Die Ausnutzungsstrategie




Die Ausnutzungsstrategie

Die meisten Berlinbesucher denken vermutlich, dass man in dieser Stadt nie zur Ruhe kommt. Dass alles immer stressig ist. Sie übernachten hier bei irgend jemanden den sie kennen und haben ein riesiges Tagesprogramm, sie reisen zu zweit und liegen Nachts erschöpft im Hotelbett und fragen sich, wie man in dieser Stadt, in der man konsequent das Gefühl hat, irgend etwas verpasst zu haben, überhaupt eine ruhige Minute ergattern kann um nachzudenken.
Eigentlich ist es genau das Gegenteil. Vielleicht knallen so viele Menschen in Berlin durch, eben weil sie so viel Zeit aufgedrückt bekommen, mit der sie nichts anfangen können, die nur allzu leicht in Zeit ausartet, in der man nichts anderes machen kann, als zu reflektieren oder in stumpfsinniges Grübeln zu verfallen.
Der Durchschnittsberliner verbringt am Tag grob geschätzt 105 Minuten damit, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Das sind, sei es noch einmal betont, mehr als eineinhalb Stunden pro Tag. Eineinhalb Stunden, in denen ihm nichts anderes übrig bleibt, als sich Beschäftigung auszudenken, oder über sich selbst zu reflektieren. Als Studentin mit einem hauptberuflichen Nebenjob verbringe ich etwas mehr als zwei Stunden am Tag in öffentlichen Fortbewegungsmitteln.

Es ist nach ein Uhr nachts und ich bin auf dem Weg von Mareike nach Hause. Den Nachtbus, der mal wieder sechs Minuten zu früh fuhr, habe ich verpasst und ich gehe zur nächsten Haltestelle eines anderen Busses, der mich fast nach Hause bringen wird. Es dauert neun Minuten, und rechts vom Bürgersteig erstreckt sich die wohl längste Friedhofsmeile Berlins. Seltsam, dass man Nebel riechen kann. Es gibt viele Gefühlseindrücke, so wie abgasig, blumig, frisch (Dinge, die man riechen kann) und hell, dunkel, schummrig (Dinge, die man sehen kann), aber es gibt auch Zwischenwahrnehmungen, so wie neblig oder verraucht. Nebel kann man sehen, man kann ihn aber auch riechen. Nach meiner Uhr ist es 1 Uhr 12. Ich habe also noch ein paar Minuten Zeit, um den Anschlussbus zu bekommen. Rechts von mir lichten sich die Büsche und geben die Sicht auf den Friedhof frei. Es riecht nach Nebel und ich habe den Eindruck, dass neben mir, nur zwei Meter durch den Zaun, viele vergangene Seelen mich anschauen. Grabsteine haben etwas Magisches. Seltsam. Ob das wohl durch Indoktrination kommt, oder durch die ganz eigene, selbst entwickelte Vorstellung, dass Seelen nicht sterben? Ist meine Vorstellung vom Tod anerzogen? Ich bin am Hermannplatz angekommen und frage mich, worüber ich neun Minuten lang meines Lebens nachgedacht habe. Zeit glitscht durch die Finger, und ich war mal wieder hohl im Kopf. Eine Minute denken, acht Minuten stumpf sein. Ich vergeude meine Zeit.

Tatsächlich habe ich angefangen, die Zeit in der U-Bahn produktiv zu nutzen. Zu Hause habe ich ein Vergnügungs-Lese-Verbot, weil ich sonst mein Pensum für die Uni nicht schaffe. Bücher und Zeitschriften lese ich daher in der U-Bahn, und da schaffe ich pro Monat eine ganze Menge. Aber worüber denkt man nach, wenn man mitten in der Nacht in den Semesterferien zu Fuß unterwegs ist?

Ab Kottbusser Tor muss ich wieder laufen, da kein Nachbus zu meiner Wohnung fährt, und ich weigere mich nach wie vor, in Berlin ein Fahrrad zu benutzen. Ich bin ja nicht lebensmüde. Die ersten zweihundert Meter vergnüge ich mich damit, meinen Haustürschlüssel in meiner Tasche in die richtige Position zu bringen, um böswillige Männer abzuwehren. Danach vergesse ich meine Unsicherheit. Ich laufe an dem Kinder-Verkehrsspielplatz vorbei und denke - zum fünfzehnten Mal - wie es jetzt wäre, auf diesen Platz zu gehen und Fußgänger zu spielen, mit den rot-grünen Ampelnů Ich würde mir vormachen, wie die Autos hupen und schnell über einen Zebrastreifen rennen oder als Auto ein Stoppschild überfahren - und doch weiß ich, dass ich einfach nicht die Phantasie dazu habe. Ich würde die Ampeln und die Autos nicht sehen. Und ich würde auch den Motorenlärm nicht hören, nicht das Gequassel der anderen Verkehrsteilnehmer. Ich würde mir lediglich rational sagen, wie klasse das ist, auszubrechen und mir vormachen, ich wäre durchgeknallt und die ganzen Menschen sehen, die da durch diesen Verkehrsgarten spazieren, und nur deswegen hätte ich meinen Spaß. Aber ich verarsche mich nicht gerne und außerdem sagt mir meine Ratio, dass es relativ gefährlich ist, alleine nachts in der Woche in Kreuzberg auf einem Verkehrsgarten zu spielen.
Ich gehe wie immer weiter und bin sauer. Sauer auf die blöden Filme im deutschen Fernsehen wie z.B. "Bin ich schön?", die einem suggerieren, dass man ausbrechen soll aus seinem "normalen" Schema, das machen soll, wozu man Lust hat. Eigentlich bin ich stolz auf mein Selbstbewusstsein, das sich nicht von ein paar Pickeln irritieren lässt, sich nicht vormacht, unglaublich erotisch zu sein, die Ratio fest im Griff hat und weiß, wann etwas leichtsinnig, gar lebensmüde ist. Und doch lasse ich mich dann und wann irritieren. Ausgebrochen bin ich nie. Was heißt denn schon ausbrechen...
Heute trage ich bestimmt eine Blue Jeans und schwarze Schuhe, denn die sind zu allem tragbar. In den rot gefärbten Haaren trage ich Spangen, damit meine Haare nicht unbändig zu allen Seiten abstehen. Es ist November, es ist kalt, und mein Lieblingswärmschutz für den Winter ist eine grüne Daunenfederweste. Blau-grün-rot. So sehe ich aus. Und wenn ich zu viel Ferngesehen oder Brigitte gelesen habe denke ich, das ist eine beschissene Farbenkombination.
Mitten in der Woche, in Berlin, nachts, bin ich zu Fuß auf dem Weg nach Hause, ich bin achtundzwanzig, zu alt eigentlich, um mitten im Studium zu stecken, und wenn ich jetzt einen Menschen in Not sehe, werde ich mein Handy zücken und die Polizei rufen, denn alles andere wäre lebensmüde. Und ich würde nach Hause gehen mit dem Gedanken, alles rational Sinnvolle getan zu haben.
Es ist 1 Uhr sechsundvierzig, ich bin zu Hause und ich glaube, ich habe in meiner Reflexionszeit mal wieder nur über Blödsinn oder über gar nichts nachgedacht.


© 2003