Home | Alltag | Ein Baby und millionen andere




Vermutlich haben die meisten schon mal den Film 12 Monkeys gesehen. Oder zumindest irgendeinen Film, in dem es darum geht, in die Vergangenheit zu reisen, um irgendetwas zu verändern. Oder genauer: Im Jahr X ist etwas Furchtbares in der Welt passiert, im Jahr Z haben die Forscher endlich die Zeitreise erfunden und lassen Kamikaze-Knallhart-Body-Man zurück ins Jahr X beamen, damit er das Übel aus der Welt schaffe. Entweder muss er genau das Übel finden und sofort ausrotten, oder noch besser es gleich verhindern. Der Film handelt dann meistens darüber, wie Body-Man viele Gefahren überstehen muss, um den Grund oder Bösewicht des Übels ausfindig zu machen und zu zerstören. Und listig sein muss er dabei auch noch. Solche Filme kennt jeder.

Ich kann sie mir nicht mehr anschauen, und das hat einen einfachen Grund: Ich finde sie unlogisch.
(Achjeechen, das ist so ne Tussie, die an jedem Film etwas auszusetzen hat, mit der man nicht vor dem Fernseher sitzen kann, weil sie immer an etwas herummeckert, die lieber Jenseits von Afrika guckt. Ja, tu ich tatsächlich, aber nicht wegen der Story, sondern wegen Robert Redford.)
Ich habe überhaupt nichts gegen Zeitreisen im Kino, sondern nur etwas gegen Regisseure, die zig Millionen in die Produktion eines Films stecken, ohne den mal vernünftig durchkonstruiert zu haben. Gut, ok, das mag daran liegen, dass mein Film über so eine Zeitreise, sollte ich denn mal einen drehen, vermutlich verdammt kurz wäre. Ich würde nämlich einfach ein Baby vor eine Haustür legen, ungefähr 73 Jahre vor Jahr X. Und damit wäre die Welt wieder in Ordnung. Warum? Überlegen wir mal.

Wieviele Menschen beeinflusst wohl ein jeder Mensch während seiner Zeit hier auf Erden? 60? Hundert? Gehen wir mal vom schlimmsten Durchschnitt aus:
Im Vorschulalter hat mein Baby ungefähr drei Sandkastenbeziehungen. Wunderbare Beziehungen, in denen z.B. lieber die blaue statt die gelbe Sandform benutzt wird, darüber sind sich alle vier einig. Weiterhin hat mein Baby Eltern, wenn auch in diesem Film Adoptiveltern, aber beeinflusst werden die ja trotzdem. Macht 5.
In der Grundschule, die wir hier mal von Klasse 1 bis 6 festsetzen, ist es ein treuer Schulkamerad, soll heissen, es wechselt Freunde nicht gerade wie die Unterwäsche. Setzen wir die Anzahl der guten Freunde mal auf 4 fest. Ab der höheren Schule, welche in diesem Film ein Gymnasium ist (denn der Bursche muss ja listig sein, und das sind bekanntlich die Oberprimaten, das wissen wir seit der Feuerzangenbowle), wird die Anzahl dann schon erweitert. Bis zur neunten Klasse hängt mein Baby weiterhin in einer tollen Dreierfreundschaft, dann kommt die Pubertät, er wechselt den Freundeskreis, Parties werden gefeiert, die ersten zaghaften Beziehungen bahnen sich an... Auf dem Gymnasium hat mein Baby so also engere zwischenmenschliche Beziehungen zu ca. 12 Personen auf- und abgebaut. Beziehungen, die evtl. nachhaltig wirken, weil es mit dem ersten Mädel im Bett nicht geklappt hat, was sie nie vergessen wird, dann hat es mit Freund Alpha einen Autounfall gehabt, weshalb dieser sich nie wieder in ein Auto setzt, was dessen spätere Frau nachhaltig beeindrucken und prägen wird.... Naja, die Theorie des Flügelschlags der Schwalbe im Osten, die im Westen einen Orkan hervorruft, oder wie war das noch, brauche ich Euch nicht zu erzählen. Aber bei dieser Theorie sind wir ja gar nicht, denn ich rechne sogar auf der sicheren Seite, nämlich mit engen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Und wer will schon bestreiten, dass die beeinflussen?

Ziehen wir mal eine Zwischenbilanz: Mittlerweile ist mein Baby um die 20 (er war zwischenzeitlich in der Schule etwas abgelenkt, da er ja schliesslich gemäß der Filmkonventionen ein kleiner Abenteuerheld ist) und hat nachhaltig etwa 21 Personen beeinflusst.
Lassen wir es nun studieren, bis 30 etwa 4 Beziehungen haben, 5 Affären, davon nur eine etwas bedeutsamer, einen festen Freundeskreis, der sich so um 25 noch etwas wandelt, also 3 beste Freunde, weiterhin 5 gute Freundschaften, ausserdem einen Nebenjob mit 4 Kollegen, mit denen es öfter einen Trinken gehen wird, einen Chef, der von seiner Arbeit profitiert, nach dem Studium dann einen festen Job mit weiteren 6 Kollegen, die alle im Team arbeiten, wiederum einen Chef. Macht weitere 24 Personen.
Mit 32 wird es dann eine seiner 4 Beziehungen heiraten (wie trostlos, aber wir wollen ja im Mittelmaß bleiben), 2 Kinder bekommen, eine Affäre mit einer Freundin seiner Frau haben, weitere Menschen aus ihrem Freundeskreis kennenlernen, seinen Job wechseln und im Fitnesstudio 2 weitere enge Freundschaften knüpfen. Selbst mein mittlerweile langweilig gewordenes Baby wird also nach 30 Jahren noch zu etwa 16 weiteren Personen engere Beziehungen aufbauen, die Eltern seiner Frau, einen alten wiederaufgetauchten Großonkel und die Oma seines besten Freundes miteingerechnet. Und selbst, wenn wir annehmen, dass ab 50 Jahren keine neuen Beziehungen geknüpft werden, hat mein Baby also im Laufe seines Lebens etwa - rechnen wir einmal nach - 61 Menschen geprägt.
Gehen wir nun davon aus, dass mein Baby aber einige Personen erst ab einem späteren Zeitpunkt geprägt hat, dass einige Personen selber schon sehr alt waren, als es sie kennenlernte und dass einige Personen früh verstarben, z.B. sein Freund mit dem Anti-Autotick, der mit 32 auf der Strasse von einem Auto überfahren wurde, ziehen wir sicherheitshalber 8 Personen ab.

Mein Baby hat also, langweilig wie es geworden ist (wer konnte das schon ahnen?), lediglich zu 53 Menschen in seinem Leben so engen Kontakt gehabt, dass deren Lebensweg beeinflusst wurde. Traurig, nicht wahr? Bei mir sind das aber mehr, sagt Ihr jetzt vielleicht. Ja, aber nicht jeder ist so spritzig wie Ihr. Mein Baby jedenfalls nicht.
Da mein Baby aber nun stellvertretend für die ganze Menschheit steht, denn schliesslich soll es diese ja retten, rechnen wir einmal durch:
Wenn mein Baby etwa 53 Menschen erreicht hat, dann haben diese 53 Menschen widerum 53 Menschen erreicht. Gehen wir vorsichtig vor und ziehen von diesen 53 Menschen lieber noch 2 ab, da sich ja die Freundeskreise evtl. überschnitten haben. Macht also 51. 51 Menschen des engen Umfeldes haben jeweils wiederum 51 Menschen geprägt, bzw. haben natürlich diese 51 Menschen eigentlich nur 50 Menschen geprägt, denn der 51ste Mensch ist ja der Ausgangspunkt, also mein Baby selbst, und das wollen wir ja nicht doppelt zählen. 51 x 50 sind 2550.
Also hat mein Baby im zweiten Grad 2550 Menschen geprägt. Im dritten Grad, also diese 2550 Menschen mal wiederum 50 sind 127.500 plus die ersten 2550. Also Prägung des dritten Grades: 130.050. Prägung 4. Grad: Sechs Millionen, Sechshundertzweiunddreißigtausend Fünfhundertfünfzig. 5. Grad: Dreihundertachtunddreißig Millionen und Zweihundertsechzigtausend. Und endlich dann im 6. Grad über 17 Milliarden, womit immerhin die gesamte Weltbevölkerung fast drei Mal erreicht worden wäre, bzw. geprägt.

Noch einmal die Formel:
(51 x 50) + (51 x 50)2 + (51 x 50)3 + (51 x 50)4 usw.
Oder abstrakt ausgedrückt:
(A x A-1) + (A x A-1)2 + (A x A-1)3 + (A x A-1)4 usw.

Wohlgemerkt, wir haben hier nicht mal die Schwalbe - Flügelschlag - Orkan - Theorie angewandt, oder anders gesagt: das Lola-Rennt-Syndrom zählt hier nicht. Wir gehen also nicht davon aus, dass ein Zuzwinkern in der U-Bahn oder auf den Fuß treten im Tanzverein die Welt verändert. Und trotzdem hat mein Baby im 6. Grad die gesamte Menschheit beeinflusst, und das ganze drei Mal.
Rechnet man optimistischer mit 100 Menschen, die mein Baby enger um sich herum scharrt, haben wir sogar schon im 5. Grad alle Menschen erreicht. Jedenfalls die Anzahl. Und da soll sich mein Baby noch die Mühe machen, hinter irgendeinem Bösewicht herzujagen, der mit einem schlimmen Elixier die Menschheit verseucht? Wer weiss schon, ob das nicht der Typ war, der vom Auto umgefahren wurde, weil er selber nicht in eines stieg sondern ja unbedingt zu Fuß gehen musste.
Und da soll noch mal einer sagen, der einzelne Mensch wäre nichtig im Angesicht dieser grossen Welt.

Übrigens: Mir soll keiner Westzentrismus vorwerfen. Natürlich bin ich westzentriert. Die Helden kommen immer aus Amerika. Und die Bösen auch. Und sollte der Böse doch einmal ein Ausländer sein, so wird er trotzdem wissen, wo er sich zum Bösen ausbilden lassen und sein Übel verrichten muss. Das wissen sogar die Aliens.





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