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Ein Vorwort

Ich wollte schon immer Vieles mitteilen, das aus unerfindlichen Gründen den geschriebenen Worten vorenthalten ist, die man nie auszusprechen wagt. Vielleicht liegt es daran, dass niemand einem so lange zuhören könnte, wie man es gerne hätte. Oder man müsste irgendwann aufs Klo und hätte danach den Faden verloren. Die Menschen warten selten, bis der rote Faden wieder da ist. Sie warten selten, bis sich die Musik im Kopf wieder eingestellt hat und die richtigen Worte im Kopf formt, um die wichtigen Dinge zu sagen.

Eigentlich denkt man doch meist, dass Vieles so banal ist von dem, was im eigenen Kopf ist. Von den Gedanken, Ansichten, der Art, wie man denkt. Als wäre das alles Allgemeingut. Neulich kam ich in einem kleinen Restaurant in der Nähe von Freiburg mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Er meinte, sicherlich sei ich aus dem Norden, und als ich ihm erzählte, ich sei aus Berlin und irgendwann aufgrund seiner Ungläubigkeit verschämt zugeben musste, dass ich eigentlich aus einem kleinen Provinznest mitten in Niedersachsen stamme, waren wir schon mitten im Gespräch. Als wir bei meinem Studium angekommen waren und ich auf eine Nachfrage hin sagte, ich studiere nicht für einen Beruf sondern für mein Leben und ihn damit tief beeindruckte, war es mir peinlich, solche hochgestochenen Worte gewählt zu haben. Mir war einfach keine bessere Redewendung eingefallen gegenüber dieses alt-ehrwürdigen Herrn mit dem schwarzen Anzug und der noch schwärzeren Sonnenbrille, die er trotz des schummrigen Lichtes zwischen der dunklen Holzvertäfelung trug. Ich beeilte mich zu erklären, dass ich lediglich hatte sagen wollen, dass zu heutigen Zeiten ein Student, gar eine Studentin einer Geisteswissenschaft sowieso kaum hoffen kann, später in der studierten Richtung zu arbeiten, und was läge da also näher, als wenigstens Spaß beim Studieren zu haben mit einem kleinen Versuch, sich dabei selbst zu verwirklichen. Desillusionieren konnte ich ihn damit trotzdem nicht. Anerkennend, soweit ich in seine verspiegelten Augen sehen konnte, musterte er mich und nickte mit dem Kopf.
Wir kamen auf Berlin zu sprechen und er sagte mir, er wäre noch nie dort gewesen. Er hätte sich auch immer davor gedrückt, es kennen zu lernen, und alles, was er in seinem Kopf sähe, wenn er an Berlin denke, wären die Nazimassen, wie sie durch das Brandenburger Tor patrouillierten. Ich sagte ihm, alles, was in meinem Kopf wäre, seien die Menschenmassen, die sich dort 1989 heulend in die Arme fielen. Wieder nickte er und sagte: Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen Jung und Alt, und das ist ja auch sehr gut so.
Und da fiel es mir wieder ein. Dass ich so viel sagen wollte, und dass es wichtig ist, aufzuschreiben, was man denkt, denn nicht alles, was in einem Kopf ist, ist selbstverständlich, und vieles, was aufgeschrieben worden ist, hat zu Verständnis beigetragen, das in gesprochenen Worten nie angekommen ist.

So viele Klauseln und Verformulierungen sind schon gebraucht worden, dass heute die meisten Worte nur noch wie Hüllen bei uns ankommen. Vielleicht ist dies das Los immer fortschreitenden Generationen. Es kann kaum Neues gesagt werden. Wir können uns nicht mehr in den "schönen Worten" ausdrücken, weil die schon tausendfach gefunden worden sind. Wir können nur noch versuchen, Gedanken mitzuteilen, die originell sind. Und doch sind die meist auch schon tausendmal gedacht worden. Ist es da ein Wunder, wenn wir uns überflüssig, banal und, mit dem "Sinnlosigkeitsverdacht" aufwachsend, oberflächlich vorkommen? Ich werde in Zukunft diese lästigen Anführungsstriche weglassen. Ich muss mir ja bei meinem eigenen Geschriebenen nicht selbst ständig vor Augen halten, wie abgelutscht meine Worte sind.
Auf der anderen Seite ist da doch etwas, das mich sicher macht, dass wir, dass ich, meine Generation, Menschen, die in einer Kleinstadt aufgewachsen sind, Leute, die in Berlin studieren, etwas mitzuteilen haben, das nicht selbstverständliches Novum ist. Der werte Graf aus einem Dorf in der Nähe von Freiburg hat mir jedenfalls interessiert zugehört.

Seltsam, dass ich in meinen hundert angefangenen Schriften neunundneunzig Mal angefangen habe, zuerst einmal zu rechtfertigen, warum ich schreibe. Das habe ich so in noch in keinem anderen Buch gelesen. Vielleicht liegt es daran, dass ich zuerst angefangen habe, zu studieren, und man dort zuerst lernt, dass in einer Hausarbeit zuerst einmal die Arbeit als solche gerechtfertigt wird: warum sie wichtig, nützlich und überhaupt toll ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass die vielen Verleger ihren Autoren klargemacht haben, dass es keinen Menschen interessiert, warum sie schreiben. Oder es liegt daran, dass meine Generation latent immer das Gefühl hat, sich für jede Regung, selbst für jede Nicht-Regung, rechtfertigen zu müssen. Jaja, damals, da haben wir noch angepackt, da haben wir noch etwas geschaffen. Ihr heute lebt ja nur noch für Euch selbst. Ihr verkauft Dinge, die andere herstellen, und das meist auch nur virtuell. Was wisst Ihr denn schon... Das neueste Ballerspiel im Internet, da könnt Ihr mithalten, nicht aber habt Ihr eine Ahnung, was es heißt, mit einer Waffe in den Kampf zu ziehen. Wissenschaftliche Arbeiten könnt ihr veröffentlichen, aber die Dinge, über die Ihr schreibt, habt Ihr nicht selbst erlebt. Ihr macht Euch über Leute lustig, weil sie nicht wissen, wie man eine Software installiert, aber nicht mal die leiseste Ahnung habt Ihr, wie ein Radio zusammengebastelt wird. Ihr geht in die angesagtesten Techno-Schuppen, aber Wagner könnt Ihr nicht von Beethoven unterscheiden. Und Woodstock ist für Euch - wenn überhaupt - nur ein kleiner, gelber Vogel. Nicht aber versucht Ihr, Euch durchzubeißen. Eure Scheidungsrate ist hoch wie nie zuvor und die Nervenheilanstalten sind überfüllter denn je. Eure Langeweile vertreibt Ihr mit Drogen und Amokläufer sind in Eurer Generation Mode geworden. Was Gewerkschaft meint, lernt Ihr in der Schule, und wählen geht Ihr sowieso nicht mehr.


Ich habe nicht vor, mich mit meiner Generation zu identifizieren, noch habe ich vor, mich von ihr zu distanzieren. Weder finde ich es sinnvoll zu behaupten, wir hätten alle das Gleiche erlebt, noch finde ich es glaubwürdig zu meinen, man könne seine eigene Generation derart reflektieren und sich von ihr abheben, dass man sie von außen betrachten kann. Ich bin meine Generation, ob ich das nun will oder nicht, mit all ihren Widersprüchen und Unwahrheiten, den kritischen und komplett unkritischen Ansichten. Ich kann immer nur ich selbst sein (eine platte Wahrheit) und später mögen andere aufgrund dessen, was geschrieben worden ist - denn meist werden gesprochene Worte vergessen - urteilen, was denn Menschen meines Alters bewegt hat.
Dies ist meine Geschichte, und ich bin selbst gespannt, ob sie denn Wert ist, verallgemeinert zu werden. Und der Leser wird mir hoffentlich verzeihen, wenn ich selbst ab und zu dazu neige, zu verallgemeinern. Vermutlich ein banaler Drang, mich mit etwas zu identifizieren...


© 2003