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An der Schwelle der Grenzenlosigkeit

Nur einen Schritt von der Unendlichkeit entfernt, das Gefühl der unendlichen Freiheit. Alles sehen, alles gleichzeitig erleben zu können, zu wissen. In ein Vollkommenes aufzugehen, in dem es keine Sinnlosigkeit mehr gibt.
Menschen an dieser Schwelle sind Suchende, der unruhige Blick verrät sie. Dem Taubheitsgefühl entkommen wollen, dem stummen Ich. Schreien, fühlen, weinen. Schmerzen spüren wollen.
Extremes im Sport, beim Sex, beim Drogenrausch und - kurz vor dem letzten Schritt - die Frage nach dem Wie weit kann ich gehen?. Nicht der Mensch an sich, sondern ich, ich ganz speziell.
Und vielleicht haben die Amokläufer von heute während sie ihre Tat beschließen gar nicht das Gefühl des Zu-Weit-Gehens, möglicherweise wollen sie so sehr wissen, wie sich die extreme Erfahrung anfühlt, dass sie ihre Idee einfach in die Tat umsetzen. Kaum kann man Amokläufer fragen, wie es sich für sie angefühlt hat, die meisten bringen sich am Ende um. Vielleicht wissen sie, dass dies die extremste Erfahrung ihres Lebens bleiben wird und alles, was danach folgen kann, wäre endlich. Vielleicht wollen sie diese Endlichkeit selbst bestimmen. Oder sie suchen nach dem Extremsten, nach der größten Macht, die ein Mensch ausüben kann: Sich selbst das Kostbarste zu nehmen, das Leben. Ich würde Menschen, die das getan haben, gerne mal fragen, wie sich diese Macht anfühlt.

Mich wundert, dass das Helsinki-Syndrom einen eigenen Namen bekommen hat. Ein immer noch nicht ganz erklärbares Phänomen, sagen die "Experten", wenn ein Entführungsopfer seinen Entführer anfängt zu bemitleiden, zu mögen, gar zu lieben.
Ich denke, an der Schwelle stehen Menschen der Postmoderne alle mehr oder weniger. Nur wenige überschreiten sie. Wenn man gezwungen würde, sie zu überschreiten, ohne jegliche Konsequenzen zu fürchten, wenn es da jemand gäbe, der das Extreme durchführt und alle Konsequenzen auf sich nehmen muss, der diese Erfahrung mit Dir teilt und Deine Angst nachlässt, denn Angst ist nicht ewig, würde er nicht für Dich zum Helden? Hätte er Dir nicht etwas in Deinem Inneren gezeigt, ein Stück des Lebens, das Dir sonst nie zuteil geworden wäre? Raus, weg von Deinem vertrauten Ich, etwas Neues. Ganz banal. Aber die Gewalt. Ja, erfahren wir nicht jeden Tag Gewalt, wird das nicht zum Gewöhnlichen? Und sage mir niemand, dass der Extremist nicht auch normale menschliche Züge hätte. Opfer berichten, sie wären gefüttert, betreut, umsorgt worden. Extreme Erfahrungen teilen ist bindend, und extreme Angst währt nicht lange. Ein Sich-Fallen-Lassen ohne Verantwortung, dabei Leben, sich intensiv spüren. Das Andere entdecken.
Warum denkt man über das Helsinki-Syndrom nach und findet Vergewaltigungen schon kaum mehr ungewöhnlich? Manche Menschen sind eben so.
Nein, ich glaube, dass die meisten von uns nur geschafft haben, durch moralische Indoktrinierung sich selbst zu kontrollieren und zu verinnerlichen, dass Anarchie schlecht und Grenzen gut sind.
Ich meine nicht, dass jeder in seinem Innern gewalttätig im herkömmlichen Sinn ist oder dass sich jeder wünscht, über die Schwelle zu gehen. Aber die Extreme, zu denen sich jeder Mensch, den ich kenne, hingezogen fühlt, sind doch auch schon eine Gewalterfahrung am eigenen Ich.

Ich sage gern, dass ich Pazifistin bin, vor allem zu mir selbst pazifistisch. Ich möchte keine Gewalt erleben. Aber habe nicht auch ich von Zeit zu Zeit Lust darauf, mich zu betrinken? Zu laut Lachen und schreien dürfen, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen. Wegzulaufen und sehen, wohin es einen trägt, mit möglichst fremden, intensiven Erfahrungen. Zu schlagen, wenn mir danach ist?
Menschlich, ja. Aber immer noch gewalttätig, irgendwo, im Innern.
Gibt es überhaupt Pazifismus?


© 2003