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Keine großartige Sache. Dir geht´s eben mal nicht so gut. Es läuft eben nicht so, alles völlig normal. Mit dem Jahr 1999 und Deiner mit-zwanziger Generation bist Du ja auch eigentlich dazu verdammt, dass es Dir selten gutgeht. Gutgehen - das gehört sich nicht. Gute Laune haben ist out.
Natürlich nicht in der Disco oder auf Parties. Da ist es auch wieder out, schlecht drauf zu sein. Da muss man die Sau rauslassen und verdammt witzig sein, denn schließlich wissen wir ja alle um unser schweres Los, das wir schon am nächsten Morgen wieder zu tragen haben, was da heißt, bis zum Nachmittag mit Kater im Bett zu liegen, mit dem One-Night-Stand noch höflich zu frühstücken, oder man hat keinen abgekriegt, was die Lage noch schlimmer macht, und sich danach Gedanken über das Jammertal des Lebens zu machen, das UNS am ärgsten erwischt hat, denn früher war alles besser. Jedenfalls hatte man da mit 24 schon seine große Liebe gefunden oder gar geheiratet, und man studierte einen Beruf. Heute studiert man, um überhaupt einen Job zu bekommen.
Nachdem man dann am Abend zum zweiten Mahl aus dem Bett gekrochen ist, schaut man sich Akte X an. Da passiert wenigstens noch was, das dieser Generation angemessen ist. Damit geht´s einem zwar nicht besser, aber man fühlt sich verstanden, weil schließlich bestimmt 80% Deines Alters in diesem Moment das gleiche tun.

So geht das. Das sind die Spielregeln. Für Mit-Dreißiger und ältere Leute ist das schwer zu verstehen und sie benehmen sich auch grundsätzlich daneben, aber wenn man mit diesen Regeln aufgewachsen ist, sind sie eigentlich ganz einfach.
Intellektuell sein z.B. ist in, gerade für mich als Frau, denn in der heutigen Zeit ist es meine Pflicht, an den modernen Mann zu glauben, der nur Frauen schätzt, die auch was im Kopf haben. Aber hoch intellektuell sein ist out, also andere dürfen nicht das Gefühl haben, Du würdest in Deiner Freizeit nur über Unibüchern sitzen, denn dann hättest Du einen Kodex verletzt. Schließlich wissen wir ja alle, dass schlau sein nichts bringt, man heutzutage nur durch Unehrlichkeit an einen Job kommt, und Nichtstun ist die Rebellion von heute.

Keine Knete zu haben ist auch in, denn wer Knete hat, zählt zur Bourgeoisie und darf nicht mitreden, der hat keine Ahnung, was das echte Leben für Probleme mit sich bringt. Aber gar keine Knete zu haben, ist out. Weder ist es cool, sich nur zu Hause zu besaufen (wo das Bier nur 2 statt 5 DM in der Disco kostet), noch kann man bei den neuesten Musik-Events mitreden oder dem neuesten Kinohit, weil man schließlich nicht da war. Das heißt, Du redest ständig über Deine Geldprobleme, gehst aber natürlich mit, wenn spontan beschlossen wird, auf die Mega-Party im total geilen neuen Schuppen in Mitte zu gehen. Dann zu sagen, Dir wären die 20 DM Eintritt zu teuer, wäre echt unspontan, und unspontan ist out.

Sich schön machen ist out. Keinesfalls darf man verlauten lassen, man hätte morgens mehr als 10 Minuten vor dem Spiegel gestanden. 10 Minuten sind o.k., denn gepflegt sein ist in. Oder besser, bei Frauen 10, bei Männern 2 Minuten, denn der Naturbursche kommt total gut an. Empirische Schönheit ist in. Und das ist ein Problem, denn zwischen Nicht-Schön-Machen und Natürlich-Schön-Sein gibt es ein Problem. Ein Ergebnis davon ist, dass Frauen statt einer halben Stunde nun eine Stunde damit verbringen, sich zu schminken und zu frisieren und das Ganze dann hinterher in eine natürliche Form zu zupfen. Wer genug Geld hat, dem macht die Kosmetikindustrie es etwas leichter mit ihren true invisible Produkten. Mit den Klamotten wird genauso verfahren.

Das wäre ja noch gar nicht so schwer, wenn es da nicht noch eine weitere Regel gäbe: In Sein ist out. Und das wird nun sehr schwierig, weil das bedeutet, ständig auf dem Laufenden zu sein, was in ist und dann genau das Gegenteil zu tun. Das kommt dann zu den blödesten Konstellationen. So war ich z.B. in meiner wunderbaren kleinstädtischen Heimatstadt total out, weil ich mich augenscheinlich nicht um mein Äußeres kümmerte (was ich natürlich doch tat: es dauerte ewig, meine sämtlichen Jeans zu zerreißen, so dass es wie zufällig aussah), was wiederum in meinem eigenen Freundeskreis total in war. Schließlich waren wir alle Revoluzzer.
Als ich nach Berlin kam, war das auf einmal total in. Gegen die Konventionen usw. Das wurde spätestens zum Problem, als das Revoluzzer-Outfit massenweise zur Schau getragen wurde. Und hier ist der Knackpunkt: In der Masse wollen wir ja alle nicht untergehen, also: Was massenweise in ist, ist out. Da gibt es nur zwei Wege: entweder noch abgedrehter werden und sich "völlig ausgeflippt" kleiden, oder zum ordentlichen Schleimi mutieren. Ich kann mich heute noch nicht ganz entscheiden.


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