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Überraschend bin ich abberufen worden. Nach Münster. Zum Arbeiten, was sonst.
Nicht nur, dass mich fünf Tage Brezeln verkaufen haben spüren lassen, wie schwer mein Leben ist, jetzt muss ich auch noch acht Stunden am Tag Adressen tippen. Firmenadressen. Aber ich bin natürlich dankbar, dass ich in den letzten Wochen der Semesterferien (es gibt kein bescheuerteres Wort für diese Zeit. Besser wäre doch: Zeit-in-der-Profs-Pause-machen-und-Studis-sich-totarbeiten) noch einen Job bekommen habe. Das habe ich meiner Schwester zu verdanken, weil sie mich bei sich wohnen lässt und in den letzten zwei Tagen die Tortur auf sich nahm, klein-blöd-Sista die Fahrradwege einzutrichtern.

Es ist mein erster Tag, die erste Kaffeepause mit meinen neuen Kollegen. Nicht nur, dass ich an Berlin gewöhnt bin, hier, unter lauter Juristen, falle ich auf wie eine bunte Hündin. Die Frauen sehen hier irgendwie alle ganz anders aus. Sie unterhalten sich über ihre Seminare und ich bin gerade damit beschäftigt, meine grünen Söckchen unter meiner Blue Jeans zu verstecken, als auf einmal die große Frage kommt, und ich bin völlig unvorbereitet.

"Und was machst Du so?"

Die Frage hallt in meinem Kopf noch nach und irgendwie werde ich ganz klein. Bis jetzt hatten die Reaktionen von "Sehr interessant" bis zu "Das ist ja mutig" gereicht. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, und während ich noch an einer möglichst intelligenten Formulierung bastele ist mein Plappermaul mal wieder schneller als ich.
"Afrikanistik", schießt es aus mir heraus.
...
Pause. Allgemeines Schweigen.
"Aahh." Der Typ, der mich gefragt hat, bastelt offensichtlich auch noch an einer möglichst intelligenten Antwort.
"Das ist ja auch was."
Hat nicht geklappt, die intelligente Antwort. Dazu hat er sich erstens im Tonfall und auch in der Betonung des Wortes auch vergriffen. Ist das jetzt einfach perplex oder unverschämt? Darf ich jetzt wütend werden und ihm meine Meinung ins Gesicht brüllen? Ich stelle mir vor, wie meine Faust genau neben seinem Mund landet, ein Stückchen unterhalb der Nase...
"Ja, soīne Reaktion kriege ich da meistens drauf."
Hat nicht geklappt, die schlagfertige Reaktion. Da hastes ihm ja richtig gegeben, Sista, wow.
Trotzdem redet er an diesem Tag nur noch das Nötigste mit mir. Dabei hätte man das auch als Witz durchgehen lassen können... In Small-Talk war ich schon immer schlecht.
Und dann kommt das Thema auf Hausarbeiten. Nicht, dass ich mir blöde vorkomme, es ist nur so, dass das Thema "Afrikanische Literatur" doch etwas interessanter klingt als die "Typologie der agglutinierenden Sprachen Afrikas". Als sich also irgend jemand freundlich nach meiner Hausarbeit erkundigt, präsentiere ich mein Hausarbeitsthema vom letzten Semester. Ist ja schließlich nicht wirklich gelogen, ich stehe ja auch zu dem, was ich mache. Hier geht es lediglich darum, für alle verständlich zu erklären, wer man ist und was frau kann. Der Typ findetīs aber anscheinend nicht so interessant. Ich kann nicht mal mein Wissen über die Kolonialzeit in Südafrika anbringen, da hat er sich schon zu einer schicken blondinischen Juristin gedreht und sich ins Gespräch vertieft. Macht ja nix. Hauptsache ich weiß, was mein Studium Wert ist.
"Und was bist Du dann, wenn Du fertig bist?"
Ein Dritter schaut mich aus seinem edelgrauen Anzug mit dem betont legèren grünen Hemd an. Ohne Krawatte.
Tolle Frage. Er will mich blamieren, ich weiß es genau.
"Na, Afrikawissenschaftlerin."
Blödes Grinsen von meinem Gegenüber. Was soll das? Ich meine, ist doch klar. Ein Jurastudent wird ja auch Jurist.
"Ja, ich meine, was kannst Du denn damit machen?"
Jetzt hat er mich. Scheiße. Ich sauge mir also den üblichen Mist aus den Fingern, murmele was von wegen Journalistin, Kulturinstitute, lasse für den guten Eindruck noch das Wort UNO fallen und verkrümele mich dann unter dem Vorwand, ich hätte noch was zu tun.

Am zweiten Tag bin ich offiziell eingearbeitet und habe nun ein Büro ganz für mich allein. Während ich die Tür aufschließe bete ich, dass ich mich auch noch daran erinnern kann, wie man das verflixte Computerprogramm startet, mit dem ich arbeiten muss. Der Job ist relativ einfach, aber ab und zu rufen da Leute an und ich muss irgendwelche Anmeldungen in den Computer aufnehmen, bestätigen und archivieren. Ist auch gar nicht schwer, aber meine Aufnahmekapazität lässt etwas zu wünschen übrig und ab einer bestimmten Anzahl von Informationen schaltet mein Gehirn auf Blanko. Als ich dann zum fünften Mal bei meinem Chef anrufen muss, weil ich wieder vergessen habe, wie man das Faxgerät bedient, ist mir das schon ziemlich peinlich. Noch unangenehmer wird die Situation, als einige Studenten anrufen und alle irgendwas Juristisches wissen wollen, wovon ich natürlich keine Ahnung habe. Ist ja auch eigentlich nicht meine Aufgabe, aber nach dem zehnten Anruf höre ich auf zu erklären, dass ich ja eigentlich keine Jurastudentin bin und auch nicht die Sekretärin von irgendeinem Prof, dass ich hier nur angestellt bin um Blätter zu sortieren und nicht verantwortlich in Studienangelegenheiten, denn nach diesen Erklärungen fragt mich jedesmal irgend so ein Heini völlig erschüttert: "Wie, und dann arbeitest Du hier ??!" Als ich mich dann noch auf dem 5 Minuten Fahrradnachhauseweg verirre, liegen meine Nerven blank.

Zwei Tage später. Sonntag, 12 Uhr.
Ich bin allein und fühle mich unheimlich einsam. Meine Schwester ist für ein paar Wochen in Urlaub gefahren. Allein in einer fremden Stadt, einem langweiligen Job, einer sich nicht selbst schreibenden Hausarbeit und einer dusseligen Mitbewohnerin, die mich offensichtlich nicht leiden kann. Sie gehört, nebst dem allüberall präsenten typisch gelackten Jurastudenten, zur zweiten Rasse münsteraner Studententums: Ökotante. Für sie sind grüne Söckchen nicht nur o.k., sondern unbedingtes Muss, allerdings macht sie wegen eines echten Pelzes eine dermaßen hysterische Szene, dass die grünen Söckchen in Juristenkreisen definitiv das kleinere Übel sind. Ich hätte ihr erzählen können, dass das Tier schon seit 25 Jahren tot ist, der Mantel ein Erbstück und dies, verdammt noch mal, die einzige warme Winterklamotte ist, die ich besitze. Und überhaupt: Das sind immer die Leute, die für ihre Ökosackklamotten eine unglaubliche Summe Geld ausgeben, die sich superteure Jeans kaufen, weil da der Hintern am besten aussieht und die sie dann zerreissen, damit sie alt aussehen, die sich auf ihr perfektes Make-Up noch schnell ein bisschen Dreck schmieren, damit niemand meint, sie hätten sich geschminkt (jaja, ich kenne die Tricks), die diese fanatischen Tierfreaks unterstützen, die lieber einen Menschen abknallen als ein Tier, ja, die sich bestimmt ärgern, weil sie zu spät geboren sind, um heute von Woodstock erzählen zu können und wie revolutionär sie damals alle waren... Naja. Auf jeden Fall darf ich einen echten Pelz tragen. Aber ich halte meinen Mund. Wer nicht fragt...

Am nächsten Tag hole ich den warmen Mantel meiner Schwester aus dem Schrank und fahre zur Arbeit. Vorher habe ich meine grünen Söckchen gegen schwarze eingetauscht und mir einen Dutt gemacht. Besser fühle ich mich nicht.
Das war eine richtig blöde Idee, nach Münster zu fahren. Aber nun muss ich durchhalten, das Studentenbüro muss besetzt sein und ich bin dafür angestellt worden. Ich habe Verantwortung, genau. Das ist doch was. Und die anderen sollen mir gefälligst den gebührenden Respekt entgegenbringen, sowas wie: "Du machst hier echt gute Arbeit." Oder: "Deine Haare sehen wirklich toll aus." Oder: "Dein Studiengang ist ja super interessant, erzähl doch mal." Und dann lerne ich tausend nette Leute kennen, die alle mit mir ins Kino gehen wollen, weil ich so super interessant bin. Und meine Hausarbeit schreibt sich nicht von selbst, sondern natürlich schaffe ich es mit meinem Geniehirn, nebst Job und tollen Parties jeden Tag so ganz nebenbei eine erstklassige Hausarbeit aufīs Papier zu bringen. Ja, wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir das eigentlich so vorgestellt.

Die schwarzen Söckchen haben offensichtlich nicht gewirkt. Am Donnerstag probiere ich es also mit einer Kuchenrunde, denn Sympathie geht ja bekanntlich durch den Magen. Als ich mit sechs Kuchenstücken, die mich ganze 10 Mark gekostet haben, über den Flur laufe, beglückwünscht mich ein netter junger Mann zu meinen anderen Umständen. Das erste nette Wort, dass ich seit Tagen gehört habe. Meine Kollegen bedanken sich dann auch höflich, essen den Kuchen und gehen. Nicht mal 5 Minuten Small-Talk als Gegenleistung! Also bitte: Wer ist nun komisch, Münsteraner oder ich? Meinen Kummer lasse ich am Abend in einem fünfstündigen Rundumtelefonat bei allen meinen Freundinnen aus. Wenn manīs genau nimmt, habe ich also heute drei Stunden umsonst gearbeitet: zwei für die Telefonate und eine für den Kuchen.
Meine Arbeit hier ist so langweilig, dass ich auf ganz dumme Gedanken komme, wie z.B. die Adressenkartei, die ich den ganzen Tag mit Adressen von irgendwelchen Listen füttern soll, ein bisschen aufzupeppen, so mit - sagen wir mal - Herrn Zipperlein aus Magendrück, wohnhaft in der Bruchstraße. Ob denen das wohl auffallen würde? Ich glaube, mittlerweile ist mein Kopf ziemlich verstrahlt. Ich muss meine Hausarbeit zu Ende schreiben, dann gehtīs mir bestimmt besser.

Als ich mich in drei Wollpullis eingepackt vor den Computer meiner Schwester setze und mich totfriere, um beim fünfundachzigsten Versuch, einige sinnvolle Sätze zu formulieren über ein Thema, von dem ich nicht den leisesten Schimmer einer blassen Ahnung habe wenigstens Rauchen zu können, nachdem ich mich an diesem meinem freien Samstagvormittag fünfmal verfahren habe bei dem äußerst schwierigen Unterfangen, in dieser Stadt Ohrstöpsel zu kaufen, damit mich die Maschinenfeuersalven dieser sie-sei-ewig-verdammt-Tastatur nicht vom konstruktiven Denken abhalten, bekomme ich einen Kälteschock, den ersten Zigarettenflash seit neun Jahren und einen Nervenzusammenbruch. Da ich nicht weiß, was davon am schlimmsten ist, reagiere ich instinktiv, schließe das Fenster, torkle zitternd in die Küche, um den Gasbackofen anzuheizen, halte meine steifgefrorenen Finger so lange rein, bis ich wieder in der Lage bin, mir eine Kippe zu drehen, und gehe dann vor die Haustür, um meiner Sucht zu frönen. Meine Nerven haben sich zwar etwas beruhigt, aber es ist so arschkalt, dass ich beschließe, dieser scheiß Nichtraucher-WG zu trotzen und aus dem Wohnzimmerfenster zu rauchen. Mittlerweile ist es in der Küche immerhin im Umkreis von einem Meter um den Backofen angenehm lauwarm, ich hole mir das Telefon, rufe meine Ausheulfreundin an, stecke mir genüßlich eine Kippe an und meinen Kopf aus dem Fenster. Just in dem Moment geht ein Regenschauer runter. Nein, kein Zufall. Ich frage mich, was hier pissiger ist: das Wetter oder meine Übergangsmitbewohnerin, wenn sie nach Hause kommt und das Wohnzimmer "nach Aschenbecher stinkend" vorfindet. Mir gehtīs nicht gut. Wahrscheinlich habe ich eine Münster-Allergie.

Am nächsten Tag regnet es immer noch und ich befinde mich in einem ständigen Wechsel zwischen absolutem Delirium und Hysterie. Wenn ich wenigstens rauchen könnte! Doch ganz Münster scheint eine rauchfreie Zone zu sein. Mittlerweile könnte ich den Bildschirmschoner meiner Schwester mit geschlossenen Augen abmalen. Auch die Vorfreude auf zu Hause motiviert mich nicht, es ist noch so lange bis dahin. Und irgendwie verschwinden die bunten Bilder in meinem Kopf. Auch Berlin ist jetzt grau, denke ich.
Am Montag ist es zwar noch tierisch kalt, aber es regnet nicht mehr. Dafür habe ich einen Platten und keine Luftpumpe. Mit einer Stunde Verspätung erwarten mich im Büro zwei entsetzte Kollegen und 47 genervte Anrufe auf dem AB. Ich lasse meinen Mantel gleich an, gehe wieder raus, überquere das Unigelände, laufe zur nächsten Bushaltestelle und suche mir die größte Straße von Münster raus. Es funktioniert. Ich bin so schnell auf der Fahrbahn, dass der Autofahrer eines roten Golfs kaum weiß, wie ihm geschieht, und ich auch nicht. Es wird nur auf einmal ganz warm um mich rum...

"Hast du Fritz?" - "Nein, wieso?" - "Ach, wegen des Liedes." ... "Ich hab heut den ganzen Tach allein verbracht." - "Ach, du meinst Radio?" - "Wo denn? Im Institut?" - "Ja, Radio! Fritz!" - "Und ich dachte die Fritz-card. Wo denn nun?" - "Neee, die mein ich nicht. Auf RADIO FRITZ!" - "Jahaaaa. Wo ist Fritz?" - "Nee, zu Hause." - "Mensch!" - "Hergottnochmal!" - "Also wir beide könnten zumindest nicht in den krieg ziehen: Schiessen sie! Auf wen? Dieter!" - "Was? Melanie!!" - "Auf Dieter? Nein, Dieter soll schiessen! Achso!" - "Ich will jetzt das Lied hörn. Nu sach doch mal.." - "Radio Fritz ist auf 102.6 oder so. Ist aber zu Ende." - "Wart doch mal, bei mir klopft es gerade auf der anderen Leitung. - Ja? ... Hi Schwesterlein. ... Nö, ach, war ganz o.k. ... Ja, die Hausarbeit hab ich geschafft, war ganz gut, glaub ich. ... Ach Quatsch... Naja, vielleicht eine oder zwei. Aber mehr hab ich bestimmt nicht in deinem Zimmer geraucht. Außerdem hab ich... Mein Gott, dann lüfte halt noch mal! ... Nee, ich war nicht deprimiert. War nurīn bisschen langweilig auf Dauer. Da hab ich mirīn paar warme Gedanken gemacht. Wie war eigentlich dein Urlaub?..."

Komisch, dass manche Leute meinen, ich würde die Welt irgendwie zu schwarz sehen...




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