Home | Alltag | Noch fünf Minuten




Als ich aus der U-Bahn komme und die dunkle Akazienstrasse langgehe, inspiriert mich das Buch, das ich gerade gelesen habe und ich überlege, was ich wohl machen würde, wenn ich jetzt wüsste, ich hätte nur noch sieben Wochen zu leben. Würde ich so weiter machen wie jetzt? Die gleichen Dinge tun jeden Tag? Zur Uni gehen, über die Arbeit nörgeln, mich auf Parties amüsieren, mich zu Hause anöden?
Wohl schon, denke ich. Würde ich die ganze Kohle raushauen (...Welche denn?...) und eine Reise machen? (...Noch sieben Wochen? Nein!...)
Nur hätte ich mir jetzt vermutlich ein Taxi genommen, um zu Lizzi zu fahren. Der Zeit wegen. Und vielleicht würde ich dann doch nach "meinem grossen Helden, meinem Ritter" suchen, jetzt, (siehste, dann spöttel mal nicht so über die, die das tun!), anstatt mich mit vielen netten aber nicht sonderlich wichtigen Typen zu amüsieren. Hm.

Und was würde ich wohl machen, wenn ich wüsste, ich hätte nur noch fünf Minuten?

Ich schaue mich hektisch um: Auf jeden Fall rennen, irgendwo ins Warme. Denn ich möchte nicht sterben, wenn mir kalt ist. Und gerade ist mir arschkalt. Es pisst in Strömen und es ist dunkel. Gleich ins nächste Cafe, da, da vorne würde ich reinlaufen. (...Sind es jetzt nur noch drei oder vier Minuten?? Wie lange hab ich gerade gebraucht, um hierher zu kommen??...).

Mein Zeitgefühl hätte ich bestimmt verloren. Und ich würde den erstbesten Kellner da anquatschen, dass er ihnen sagen soll, dass es mir wirklich gut geht, dass ich nichts bereue... (...Was sag ich denn jetzt bloß?...)
Sag meinem Daddy, dass ich ihn wirklich toll finde, und die Eisenbahn und so, und (...wo hab ich eigentlich seinen Tresorschluessel hingelegt?...)...achja, dass ich Joolz die Miete nicht überwiesen hab (...ach Du jee...). Und dass, aehm, dass Thomas* ein total süsser Kerl ist - nein, einen tollen Charakter hat, dass ich ihn gern näher kennengelernt hätte.. ach scheiße, jetzt ist das ja auch egal: dass ich ein bisschen verknallt war...dass ich verknallt bin. (mensch, ich wollt doch morgen ins Kino!). Und gaaanz wichtig: das Passwort für meinen Rechner ist.. (...Um Himmels willen, hast Du jetzt nichts Wichtigeres zu sagen??
Noch zwei Minuten? Noch eine?...). Dass ich das Leben geliebt und versucht habe, hinter allem zu stehen, was ich tue; nichts halbherzig zu machen, nichts zu bereuen später. Und das mir das auch gelungen ist. Dass ich wirklich glücklich gewesen bin undsoweiter (...Ob das jemanden interessiert??...).

Ich würde mich vermutlich verhaspeln, weil mir das so wichtig ist, dass er das noch weiss und weitersagen kann.
Und dann würde ich kurz warten und feststellen, dass fünf Minuten doch nicht ganz so kurz sind, dass ich noch einen Moment habe. Und ich will nicht warten, so blöde rumwarten, und auch nicht die letzte Minute vergeuden. Ich würde mich hektisch umschauen und den ersten einigermassen sympatischen Typen zu mir rufen, denn zum lange Gucken hab ich dann vielleicht doch keine Zeit mehr, würde ich denken. Und ich würde ihn bitten, mir einen langen schönen Kuss zu geben, obwohl er mich nicht kennen würde. Und das würde er mir hoffentlich nicht abschlagen, denn so ein letzter Wille ist ja schliesslich heilig, auch für so irgendeinen Kerl, der vermutlich mit irgendeiner Schnitte an einem verregneten Donnerstagabend sich das zweite Mal getroffen hat und hofft, sie abzuschleppen, vielleicht heute, vielleicht morgen. Und er würde wohl eine eklige Hose tragen, brauner Cord oder so, das würde ich aber erst sehen, wenn er zu mir kommt, und das wäre mir auch eigentlich egal. Auch seine leicht ätzende Frisur, halbdunkle ohrlange Haare, schlechter Schnitt, den Pickel auf der Stirn, all das würde ich wohl nicht bemerken. Nur der blaue Stoffpulli, der hätte mich vermutlich schon etwas gestört. Und wenn er mich dann küsst, tatsächlich nett, und er sabbert auch gar nicht, und sein Mund schmeckt gut, (...ob er das eklig findet, dass ich rauche?...), und er küsst mich nur leicht, weil ihm schon klar ist, dass ein "richtiger" Kuss eben nicht nur so ein Schmatzer ist, mehr aber eben auch nicht drin ist als ein ganz kleiner Zungenkuss, dann wäre mir auch egal, dass er das vielleicht tut, weil er denkt, es macht auf seine Schnitte vielleicht Eindruck, wenn er so spontan ist, das zu tun, und ausserdem einer Sterbenden den letzten Wunsch zu erfüllen.

Und als ich denke, ich hab noch ein bisschen Zeit, diesen Kuss zu geniessen, weil fünf Minuten eben doch nicht so kurz sind, denke ich, dass ich es überhaupt nicht bereue, nie geschafft zu haben, mit dem Rauchen aufzuhören, und dass ich jetzt mit With or Without You von U2 oder diesem geilen Lied von irgendeinem Soundtrack (...scheiße, nun hab ich nie rausgekriegt, von wem das ist...) eigentlich nen besseren Abgang hätte als mit My Heart goes Boom von French Affair. Und auf einmal spüre ich den Mund gar nicht mehr und denke scheiße, jetzt hab ich über sonen Blödsinn nachgedacht und ihn gar nicht zurückgeküsst, und es auch gar nicht genoßen. Und dann.. und dann...
denk ich, ich geh jetzt lieber, der Kellner schaut mich schon ganz komisch an...

Und jetzt bin ich da, bei Lizzy, und hätte auch sowieso gar nicht gewusst, wie es weitergegangen wäre.
Mir geht´s gut. Ich bin froh, kein Taxi genommen zu haben.

* Name geändert




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