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In den Jobanzeigen der Zeitung war nicht gerade fette Beute zu finden, aber jemand suchte eine "erfahrene, zuverlässige Putzfrau für Privathaushalt in Neukölln".
Zuverlässig bin ich ohne Ende, und geputzt habe ich auch schon mal. Und nach der Nummer zu urteilen müsste das gleich um die Ecke sein. Wunderbar. Ich nahm den Hörer ab und wählte.

"Guten Tag, XXX mein Name. Ich rufe an wegen der Anzeige für eine Putzfrau."

"Ja. Ich suche Putzfrau, aber nur gute Arbeit, verstehen Sie?" (Nach der Stimme zu urteilen eine türkische Frau um die 30.)
"Zum Putzen aber auch Wäsche waschen. Sie können Wäsche waschen?" (Was für eine dusselige Frage! Irgendwie war sie mir nicht sonderlich sympatisch. Sowohl ich als auch sie waren skeptisch. Ich musste also Eindruck schinden.)

"Ähm, ja, also am Besten erzähle ich Ihnen mal etwas über mich. Also, ich bin 25 Jahre alt und Studentin und ich habe auch schon in verschiedenen Firmen geputzt. Und ich habe natürlich auch einen eigenen Haushalt. Ich denke, das wäre also kein Problem."

"Sehen Sie!" (Sie klingt nun sehr energisch.)
"Ich habe ausprobiert vier Mal. Wir haben Dachgeschosswohnung und alles Glas, verstehen Sie? Und Wäsche ist sehr teuer. Wir haben Wäsche 300 Mark, 1000 Mark oder auch mehr, verstehen Sie!" (Was will sie mir jetzt damit sagen?? Ich habe das Gefühl, die große Diva will mir meine Rolle zuweisen. Aber so ganz verstehe ich die noch nicht.)
"Ich habe Waschmaschine wo man auch waschen kann gute Wäsche. Handwäsche, ja? Kann man alles machen. Und dann ist passiert!! ich sehe Hugo-Boss Hemd von mein Mann, 300 Mark, ja? Sie hat gewaschen mit 30 Grad!!" (Ihr Ton ist nicht nur sehr unfreundlich, mittlerweile halte ich den Hörer etwas von meinem Ohr ab, um die Schallwellen abzudämpfen. Was will sie bloß? Anscheinend ist sie der Meinung, sie verkörpere in diesem Gespräch den Adel, ich dagegen das niedere Volk.)
"Und jetzt sagen Sie mir, wer muss bezahlen Kosten, EH?" (Pause. Will sie etwa, dass ich antworte???)
"WER MUSS BEZAHLEN, SIE DENKEN?" (Sie schreit.)

(Ich bin völlig geplättet. Vielleicht ist das so´ne Art Therapie. Seinen Frust an wildfremden Menschen auslassen. Innerhalb der Sekunde, in der ich nachdenke, was ich sagen soll, schießt die Wut in mir hoch. Ich lasse mich doch nicht wie den letzten Abschaum behandeln, nur weil diese Zicke in der Lage ist, Arbeitgeberin zu spielen!)
"Hören Sie mal, gute Frau. Nur weil Sie das Bumsbärchen von Ihrem Ehemann sind, der die Kohle scheffelt und sich ein dämliches Hugo-Boss Hemd kaufen kann, können Sie nicht wildfremde Leute wie ihre Untertanen behandeln. Und außerdem sind Sie ja auch anscheinend zu dämlich, Ihren Haushalt selbst zu führen oder wenigstens Ihrer Putzhilfe zu erklären, wie die supertolle Waschmaschine funktioniert, die sie für den letzten Blow-Job geschenkt bekommen haben. Oder gibt er Ihnen Geld?"

Klack. Ich schmeiße den Hörer auf das Telefon und sonne mich in dem Gedanken, dass ich´s dieser Kuh so richtig gezeigt habe und nur, weil ich keine Kohle habe, nicht meinen letzten Funken Würde verloren habe. Das war dieser Tag wert, das waren die 3 Mark 80 für die Zeitung wert. Und da kein weiteres Jobangebot steht, beschließe ich, all meine Sorgen zu verdrängen und mir einen schönen Tag zu machen. Lesen z.B. ist sehr praktisch beim Verdrängen, und Verdrängen kann ich dann auch, dass ich mal wieder nicht schlagfertig war, sondern der ollen Kuh gerade mal ein "Sie sind mir zu unfreundlich" entgegengehaucht habe.


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