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Meinen Beinen geht's nicht gut. Wahrscheinlich haben sie die Schwermut. Ich hasse diese Fruchtfliegen überall. Night flies through my open window. Das Fenster sollte ich wieder zumachen. Es ist so tierisch laut. Hätte Kreuzberg damals genug Geld gehabt, hätte ich heute eine einigermaßen gemäßigt laute Wohnung, so aber fährt die U-Bahn überirdisch, zum Dauerwitz der Touristen. Auch nachts, jedenfalls am Wochenende.
Versumpf ich doch lieber im Van Nelle Qualm, das fühlt sich sowieso heimelig an.
Ich bin nicht schwermütig, nur manchmal überfordert. So wie ein Teenie irgendwann das erste mal das erste Mal feststellt, dass er schlecht drauf ist, weil sich irgendwas ändert, er aber beides nicht weiß - was sich geändert hat und warum er schlecht drauf ist -, so habe ich irgendwann vor nicht allzu langer Zeit das erste Mal gedacht, dass ich keine Zeit mehr habe. Und ich weiß nicht, warum ich denke, dass ich keine Zeit mehr habe und ob ich deswegen schlecht drauf sein soll.
Dong.
Hier ist das erste Programm mit der Tagesschau. Guten Abend, meine Damen und Herren. Israel will den Sperrzaun im Westjordanland weiterbauen… Das Sparprogramm der Regierung wird von der Opposition hart kritisiert… Erneut kamen bei einem Anschlag 2 amerikanische Soldaten ums Leben… Nord-Korea beendet sämtliche Gespräche über Atomwaffenprogramm… Die Terrororganisation Al Quaida… Der Giftgasanschlag in Moskau… Die Vernichtung… Die radikale… Mit Besorgnis… Das verhängnisvolle…
Dong.
Wem soll da nicht schlecht werden? Vielleicht haben die bei der Tagesschau auch so einen Terminus-Katalog. Ich kenne das von meiner Arbeit, da schreibe ich FAQs für Kunden mit Computerproblemen. So einen Terminus-Katalog haben wir da auch, allerdings beschränkt der sich darauf, den Begriff "Schaltfläche" statt "Button" zu benutzen, oder "Installations-CD" und nicht "CD-Rom". Früher wurde noch von "Aufständen" geredet, heute sind es "verhängnisvolle Anschläge radikaler Terrororganisationen". Dazu werden nicht mehr eingestürzte Gebäude sondern Leichenteile gezeigt. Die Welt hat sich verändert und ich bin älter geworden. Oder vielleicht nur eins von beidem. It´s time to change…
Einige nennen es die Dreißiger-Krise und vor kurzem habe ich noch behauptet, das bekämen nur Männer. Eigentlich ist es kein Wunder, dass ich bedenklich durch die Gegend gehe, denn ich habe vermutlich mein endgültig gefühltes Alter erreicht. Mein Vater jedenfalls erzählte mir neulich, dass sein gefühltes Alter dreißig ist, seitdem er dreißig ist. Und das ist immerhin schon 34 Jahre her. Das bedeutet, ich könnte heute mit meinem Vater in die Disko gehen. Das Dumme ist nur, dass ich nicht mehr in die Disko gehe. Da fühle ich mich irgendwie fehl am Platz. In Berlin rechnet man nicht mit Dreißigjährigen, schon gar nicht in der Disko. In Berlin scheint es nur Menschen unter 25 oder über 40 zu geben. Dazwischen ist Niemandsland.
Und dann bin ich Vorgestern noch endgültig zur Frau geworden. Es ist nicht die erste Regel, die ein Mädchen zur Frau macht. Das einzige, das ich davon zu verkraften hatte, war dieser endlos blöde Spruch meiner Mutter: "Herzlichen Glückwunsch, ab heute bist Du Frau", und dabei hatte sich nichts geändert bis auf regelmäßige Verkrampfungen im Unterleib, die ich, wie ich später feststellte, durch Rotwein recht gut absorbieren konnte. Es war auch nicht der erste oder zweite Sex, das machen Männer schließlich auch durch. Es war auch nie das Gefühl, auf jemanden sexy zu wirken, das habe ich nie wirklich mitgekriegt. Das war so ein schleichender Prozess, und oft genug fühlte ich mich noch zu sehr als Mädchen, um mit "erwachsene Frau" betitelt zu werden.
Aber Vorgestern hatte ich meine erste Mammographie.
Es war eine recht unbedeutende Routineuntersuchung, versicherte mir meine Ärztin, die trotzdem selber noch nie grün auslaufende Brüste gesehen hatte. Nur so sicherheitshalber saß ich also auf diesem kahlen Flur, der in der Mitte eine Ausbeulung hatte, die das Wartezimmer darstellte. Die üblichen blassgelben Wände, Plastikstühle fest am Tisch verankert, die komischen arztzimmerpapier-ummantelten Zeitschriften, und an drei anderen Tischen drei Frauen um die fünfzig, eine davon in Begleitung von einem Mann. Die beiden sprachen nicht miteinander, der Typ wackelte etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Ich war zu jung, das dachten sie, das konnte ich genau sehen. Und das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich Frau geworden war. Jetzt war ich eine von ihnen. She´s only a woman to me.
Völlig unauffällig sei der Befund, versicherte mir der Arzt, und auf meine Entgegnung, dass ja ganz augenscheinlich nicht alles unauffällig sei, oder würde seine Frau auch grün aus den Mammas auslaufen, faselte er etwas von Hormonschwankungen und Anormalitäten und unauffälligen Befunden. Gut also, ich bin nicht normal aber unauffällig. Vielleicht hätte er besser Psychiater werden sollen.
Dong.
Hier ist das erste Programm mit der Tagesschau. Guten Abend meine Damen und Herren. Die Einführung der Maut wird vermutlich auf das nächste Frühjahr verschoben… Seit heute ist die Regelung der bundesweiten Rücknahme des Dosenpfandes… Koalition und Opposition nähern sich… Die Verfassungsklage wegen des Kopftuch-Verbots… Der Dax… Dong.
Manchmal ist es auch einfach Langeweile. Meinen 5-Quadratmeter-Balkon - immerhin ein Siebtel meiner Wohnung - habe ich mit Grünzeug voll gepflanzt. Ich sitze gerne da und sehe meinen Tomaten beim Rotwerden zu. Ich sitze in meiner Wohnung und warte, dass etwas Aufregendes passiert. Und ich wundere mich, dass ich es nicht weiter als bis hier geschafft habe. Ich bin jetzt dreißig und versuche, mein Leben wieder mit Plänen zu ordnen. Ich versuche, meinen Rhythmus zu bekommen. Ich studiere immer noch, arbeite immer noch in irgendwelchen Jobs. ´Was Besonderes machen` ist die Devise für heute. Ich kann das wenigstens meinen Eltern anlasten. In den Achtzigern waren es die intellektuellen Eltern, die ihren Kindern erzählt haben, sie könnten alles schaffen, wenn sie es nur wollten. Heute sagen es die Medien, eigentlich jeder. Die armen Kleinen von heute können morgen höchstens einen weit entfernten Dieter Bohlen anklagen, wenn sie verwundert vor dem Nichts stehen und sagen: "Aber ich habe doch mein BESTES gegeben…". Das Komische ist, wenn es uns erstmal eingeimpft worden ist, können wir nicht kapieren, dass eben nicht jeder etwas Besonderes werden kann. Etwas Besonderes zu sein macht denkfaul und kompromissmüde. Es macht Rückschläge unverkraftbar.
Dong.
Sehr geehrte Damen und Herren. Zum Hundertsten Geburtstag des Philosophen Theodor Adorno, der u.a. mit der Dialektik der Aufklärung…
Dong.
Ich glaube, ich bin auch blöd, irgendwie. Jedenfalls verstehe ich Vieles nicht. Das Blöde am Nicht-Verstehen ist, dass man nicht einmal weiß, ob man nur was nicht mitgekriegt hat oder einfach zu dumm ist, das, was man da gerade mitbekommt, zu verstehen.
Mir fallen überhaupt ständig Fragen ein. Ob sich zum Beispiel nach dem zweiten Weltkrieg jemand darüber Gedanken gemacht hat, dass wir die Überreste der hingerichteten Nazis getrunken haben. Die haben nämlich kein Begräbnis gekriegt, sondern wurden verbrannt und in Flüsse geschüttet. Wie viele waren das eigentlich? Vermutlich nicht besonders viele.
Oder was Jesus zwischen Karfreitag und Ostersonntag gemacht hat. Er soll ja am Karfreitag gestorben und am dritten Tage auferstanden sein. Was aber war dazwischen? Er wandelte auf der Erde, ja, aber wie? Gibt es eben doch so etwas wie ein Zwischenstadium? Dabei habe ich im Konfirmandenunterricht gelernt, dass es nur den Himmel gibt, und keine Geisterwelt.
Und warum glauben Juden? Mit meinem sehr minderbemittelten Wissen habe ich verstanden, dass der Erlöser erst kommen wird. Aber woher wissen sie dann von Gott? Weil jemand mit ihm geredet hat? Aber warum ist ein Mensch, der mit Gott reden kann, denn nicht der Erlöser selbst? Hat Gott einen minderbemittelten für sein Gespräch ausgesucht, der nicht in der Lage war, die Menschen zur Erlösung vorzubereiten?
Auch im Internet finde ich keine Antworten und spätestens, wenn man über 23 ist, darf man solche Fragen nicht mehr stellen. Man hat schließlich mit seinem Lebensalltag zu tun, da passt so was nicht, oder man wird als abstruse Fragenstellerin abgetan. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mal genau, wie das mit den Hühnern und den Eiern funktioniert, aber da habe ich bestimmt nicht gründlich genug gesucht.
Vielleicht habe ich auch nur als ich klein war nicht genügend Fragen gestellt, andere scheinen jedenfalls nicht ständig mit Fragen gequält zu werden. Woher wissen Vögel, wann die Sonnenblumenkerne reif sind? Riechen können die jedenfalls nicht. An unreife Kerne gehen sie nicht ran, das habe ich genau in einer Balkonlangzeitstudie ermittelt.
Sind Tiere auch faul? Simba denkt sich: ‚Scheiße, jetzt hab ich wieder Hunger und muss ne tierische Aktion machen, um an Frischfleisch zu kommen', und dann trottet Simba los. Geht das so? Verhungern Tiere, weil sie faul sind? Oder ist Faulheit nur für den Menschen gemacht?
Warum hibbeln besonders alte Menschen immer so rum? Ich sehe das besonders oft in der U-Bahn, so, als ob sie es nicht abwarten könnten, irgendwo anzukommen. Dieses Daumen-umeinander-Drehen oder Beine alle 5 Sekunden ausstrecken oder Fußtrampeln. Jüngere Menschen sind da nicht so hibbelig bis auf wenige, dann sehr entartete Ausnahmen. Das ist komisch, denn eigentlich sind es doch die alten Menschen, die beklagen, dass das Leben, je älter man wird, umso schneller an einem vorbeizieht. Also sollten doch eher jüngere Menschen die U-Bahnfahrt als gähnend langsam empfinden - und hibbeln.
Vielleicht ist es aber auch umgekehrt, und wenn wir älter werden, gewöhnen wir uns all solchen Mist an und vor lauter Rumhibbeln z.B. bekommen wir die Zeit gar nicht mehr mit. Wir empfinden die Zeit nicht mehr, sie zieht an uns vorbei, während wir hibbelnd irgendwo Rumsitzen. Ich hibbele grundsätzlich nicht, allein schon, weil ich mich dann nicht über Menschen aufregen könnte, die das tun.
Braucht die Welt antworten? Ich weiß es nicht.
Dong.
Aus den Daten der Rosenholz-Datei erhärtet sich der Verdacht, dass Günter Wallraff als IM für die STASI tätig war…
Dong.
Ich geh jetzt schlafen. Schlafen ist gut.


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