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Griechische Mythologie
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Dieses Thesenpapier entstand im Zuge eines Seminars am Institut für Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, das sich mit dem Thema "Africa und Black Atlantic" beschäftigte.
Im Laufe dieses Seminars behandelten wir die afrikanische Diaspora mit dem Sklavenhandel, das daraus entstandene doppelte Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
´Schuld` ist hierbei ein Stichwort, ebenso wie ´Erinnerungsorte`, Suche nach den Wurzeln und die Reparationsfrage.
Dass der afrikanische Kontext dabei im Vordergrund stand, bedeutet nicht - und sollte es auch nie - dass nicht grundsätzliche Fragen gestellt werden, Fragen an die Geschichtswissenschaft und somit auch immer - an sich selbst.

©2001 webmaster@mhudi.de
Geschichte und Gedächtnis: Zur Problematik einer aktuellen Debatte


I. Vergangenheit haben, Geschichte machen, Erinnern und Vergessen - Was ist Geschichte?

Während Vergangenheit als alles historisch Geschehene definiert werden kann, ist Geschichte ein interessensgeleitetes, ausgewähltes Konstrukt der Vergangenheit. Dieses Konstrukt beinhaltet eine Vorstellung vergangener Zustände, die insofern bereits gedeutet sind, da sie schon gewichtet sind - gewichtet dadurch, dass sie Teil der Geschichte geworden sind, und nicht im Gedächtnis (oder Geschichtsbüchern, Museen,...) vergessen worden sind. Geschichte ist also das gesammelte Produkt, welches durch die im Gedächtnis produzierten Geschichten entstanden ist.
Oder anders ausgedrückt:
Geschichte zu machen (im Sinne von historischer Erkenntnis) impliziert ein Geschichtsbewusstsein, oder auch Gedächtnis, denn, um es mit Paul Ricoeurs Worten zu sagen,

    "Geschichtsdenken und -erkenntnis setzen ein geschichtliches, leibhaftiges Affiziertsein vorraus. Geschichte ist sinnhafte Erfahrung."
Gedächtnis impliziert eine eigene Geschichte. Eine eigene Geschichte zu haben impliziert eigene historische Erinnerungen, Deutungsvorstellungen und Erkenntnisweisen; Vergangenheit wird nicht nur wahrgenommen, sondern auch verstandes- und gefühlsmässig verarbeitet.
Geschichte impliziert aber noch mehr. Würde dies alles sein, gäbe es keinerlei Möglichkeit, Geschichte zu ´objektivieren` und eine Legitimation für Geschichtswissenschaft zu haben. Diese Möglichkeit geben uns Zeugnisse der Vergangenheit. Indem wir die sechs berühmten W´s (Fragen nach dem Wer, Wann, Warum, Wie, Wo und an Wen) an die Zeugnisse miteinbeziehen, ist es - in bestimmtem Maße - möglich, eine Geschichtswissenschaft zu betreiben, die für sich von jeher den Anspruch auf Überprüfbarkeit gestellt hat.

Die Frage nach historischer Wirklichkeit, also nach historischer Erkenntnis (´wie es wirklich war`) ist zentral für den Geschichtswissenschaftler.
Die Frage, die sich also stellt ist, inwieweit historisches Erkennen losgelöst von individueller Erinnerung möglich ist, und so der Gegenstand überhaupt historische Wirklichkeit wiederspiegeln kann.
Diese Dialektik des Historikers mit seinem historischem Gegenstand innerhalb des Gegenstandes (´in die Geschichte verstrickt sein`) lässt sich knapp mit den Schlagwörtern Geschichte und Gedächtnis beschreiben.
Im Folgenden soll eine kurze Einführung in die Debatte gegeben werden, wobei deutlich sein muss, dass diese Einführung weder umfassend sein kann, noch stellt die Verfasserin jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.


II. Geschichte ist Gedächtnis ist nicht Geschichte

Für Aleida Assmann stellen Geschichte und Gedächtnis zwei vergleichbare - und miteinander konkurrierende - Versuche dar, eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schaffen; es sind zwei nicht verwechselbare Einstellungen zur Vergangenheit: Während Geschichte den Anspruch auf Überprüfbarkeit und objektive Gültigkeit erhebt, ohne Teilnahme und Emotion, bzw. während die historischen Fragen nicht von Gegenwartsinteressen geleitet werden sollen, dient das Gedächtnis existenziellen Bedürfnissen von Individuen und Gemeinschaften. Es beantwortet die Frage, wer wir sind und wonach wir uns richten sollen.

Pièrre Nora sieht dagegen Geschichte und Gedächtnis als Gegensatz: Während das Gedächtnis die Erinnerung ins Sakrale rückt, entzaubert Geschichte. Geschichte soll Repräsentation der Vergangenheit sein, Gedächtnis ist dagegen die ewige Gegenwart.

Die Dialektik der Beschäftigung mit Geschichte durch den auf die Zukunft gerichteten Sinn bekräftigte schon Nietzsche:

    "Erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen."
Das historische Gedächtnis gibt uns also eine Gebrauchsweise für die Zukunft an die Hand.
Ebenso ist das Gedächtnis verknüpft mit der Vergangenheit; es ist die gegenwärtige Vergangenheit, sind lebendig verkörperte Erinnerungen.
    "Das Vergangene ist gegenwärtig, weil es wirksam ist, und somit wirklich."  (Alice Kohli-Kunz)
In unseren Erinnerungen erkennen wir, wer wir sind, was wir werden wollen und worin wir uns von anderen unterscheiden.
Das Gedächtnis dient also vor allem auch der Frage nach der eigenen Identität.
    "Erinnerung hilft, die Gegenwart wahrzunehmen, gibt ihr Sinn und ordnet sie zwischen Vergangenheit und Zukunft ein; als solche produziert sie Identität. Nur durch sie kann die Wirklichkeit Gestalt annehmen."  (Etiènne Francois)
Für Ricoeur sind Gedächtnis und historische Erkenntnis nicht trennbar, da wir immer in der ´Schuld` der Vergangenheit stehen insofern, dass wir unsere Erinnerungen und Traditionen brauchen, um uns zu definieren. Jedoch sind Unterschiede aufzeigbar, indem Fragen nach den Identitäten gestellt werden. Durch so aufgezeigte Erfahrungsräume, Milieus und Erwartungen von Individuen ist historische (´allgemeingültigere`) Erkenntnis erst möglich.


III. Historische Erinnerungen

Erinnerungen sind die Verknüpfungen zur Gegenwart. Sie deuten, erklären, ordnen und definieren das Heute ebenso wie sie es legitimieren. Oder anders gesagt: Zwei Hauptaufgaben des Bewusstseins, das durch Erinnerung gebildet wird, sind Identifikation und Legitimation.

    "Vergangene Ereignisse verwandeln sich nicht ohne Weiteres in Erinnerungen: sie werden dazu gemacht durch das kollektive Bedürfnis nach Sinnstiftung, durch Traditionen und Wahrnehmungsweisen, die aus den gesellschaftlichen Milieus erwachsen."  (Etiènne Francois)
Identität und Legitimität beeinflussen die Aneignung von Geschichte im eigenen Kontext. Geschichte wird instrumentalisiert: Sie dient nicht mehr (nur) der Wahrheitsfindung, sondern der Vergewisserung der Vergangenheit im Hinblick auf Gegenwarts- und Zukunftinteressen. Entsprechend den Bedürfnissen und Interessen werden - und sei es nur im Unterbewussten (im ´Naiven`, wie Ricoeur es nennt) - historischen Informationen entsprechende Bedeutungen und Bedeutungshierarchien zugewiesen.

A. Identitätenbildung

Identitätenbildung findet also nicht nur im Bewusstsein des Individuums statt, sondern auch und vor allem im Kollektiv, oder besser gesagt, in Kollektiven: von der Familie angefangen über Freunde, evtl. "Klasse", Verein, Partei, Gesellschaft, bis hin zum nationalen Kollektiv. Identitäten dienen zur Selbstversicherung und Einordnung des Einzelnen, sei es in der sozialen oder politischen Lebenswelt.

Das Milieu, um mit Maurice Halbwachs´ Terminus zu sprechen, bildet den Rahmen, der Form und Inhalt gemeinsamer Erfahrungen bedingt und begrenzt:

    "Gewiss bildet jeder ein ihm eigenes Gedächtnis [...], darum ist es aber nicht weniger ein Aspekt des Gruppengedächtnisses, da man von jedem Eindruck und jeder Tatsache, selbst wenn sie offenbar ausschliesslich ein Individuum betrifft, eine dauerhafte Erinnerung nur in dem Maße behält, wie man [...] sie mit den uns aus dem sozialen Milieu zufliessenden Gedanken verbindet."
(Historische) Wahrnehmungsmuster ergeben sich also aus einem Zusammenspiel des persönlichen Gedächtnisses und der gemeinsamen, kollektiven Erinnerung. Anders könnte man auch sagen, dass der kollektive Rahmen den Hintergrund bildet, vor dem die Farben des individuellen Gedächtnisses in bestimmter Weise dargestellt werden.

Kollektive Identitäten bilden sich aus gemeinsamen Erinnerungen und dem gemeinsamen Vergessen. Für Jan Assmann richtet sich die kollektive Erinnerung auf "Fixpunkte in der Vergangenheit, die zu symbolischen Figuren gerinnen, an die sich die Erinnerung haftet".
Durch gemeinsame Geschichtsbilder, Wertvorstellungen und ein gemeinsames historisches Selbstverständnis wird also die Vergangenheit in bestimmter Weise angeeignet. Die Gruppe interpretiert über ein gemeinsames Verständnis der Vergangenheit die Gegenwart. Identifikationsobjekte können alles sein: ob materialisierte Symbole, Personen, Liedgut, oder eben auch ganze Geschichtsentwürfe und Identifikationsprozesse.
Werden die Bedürfnisse, die zur Identifikation geführt haben, nicht befriedigt, kann es zu einer Spaltung der Gruppe kommen bis zu psychischen Störungen Einzelner (´Identitätskrise` > Siegmund Freud).

Aber nicht nur führen kollektive Erinnerungen zu kollektiven Identitäten: auch können Gruppen gemeinsame Erinnerungen errichten. Ändert sich das Milieu, können Erinnerungen vergessen werden, oder aber vergessene Erinnerungen aufgefrischt werden: das Gedächtnis existiert in einem ständigen Prozess der Verwandlung und Neuformierung. So nennt Halbwachs die erinnerten Erinnerungen die Geschichte, die den Wandel zu reiner Vergangenheit noch nicht vollzogen hat, denn ist die Geschichte erst einmal vollendet (im Sinne von: keine direkten Nachwirkungen auf das Heute aufzuzeigen), ist sie im Begriff, vergessen zu werden, da Erinnerungen der sozialen Interaktion und Bestätigung bedürfen.

Identitäten werden natürlich ebenso aus Distanzierungen gebildet. Durch die Existenz "des anderen", durch Feind- und Fremdbilder wird, in Wechselwirkung, "das eigene" definiert. Verantwortungen und Schuldzuweisungen sind ebenso Zweck von Identitäten, wie auch das ´geschichtliche Argument` hierfür gebraucht wurde und wird.

B. Legitimierung

Politische Akteure, Systeme und Gruppen sind - insofern sie nicht repressiv sind - darauf angewiesen, ihre Existenz bzw. ihre Machthabe durch Nachweis historischer Bedingungen zu legitimieren. Traditionskonstitution und Aufzeigen von Genealogie ist ein Bestandteil der Legitimierung, denn "Herrschaft braucht Herkunft"  (Aleida Assmann).
Berechtigungen der Machthabe lassen sich durch historische Kontinuitätsbehauptungen und Analogieschlüsse aufzeigen (Joachim Zeller).

Zusammenfassend sei hier noch einmal betont, dass in neueren Diskursen kollektiver Identität ein grosses Gewicht beigemessen wird. Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen stellt einen entscheidenden Teil des kollektiven Wesens. Kollektive sind in grossem Maße verantwortlich für die individuelle Identität. Individuelle Identität widerum formt das individuelle Gedächtnis, ohne das Geschichte nicht gedacht werden kann.


IV. Schlussgedanken

Geschichte hat nunmehr im neueren Diskurs über Geschichtswissenschaft seinen totalitären Anspruch auf ´Darstellung der Vergangenen Realität` eingebüßt. Während Halbwachs noch rezipierte, dass

    "man die Totalität der vergangenen Ereignisse nur unter der Vorraussetzung zu einem einzigen Bild zusammenstellen [kann], dass man sie vom Gedächtnis jener Gruppen löst, die sie in Erinnerung behielten, dass man die Bande durchtrennt, durch die sie mit dem psychologischen Leben jener sozialen Milieus verbunden waren, innerhalb derer sie sich ereignet haben, und dass man nur ihr chronologisches und räumliches Schema zurückbehält",
wissen wir, dass dies nur schwerlich möglich sein kann. Nach Aleida Assmann ist Geschichtsschreibung zugleich auch immer Gedächtnisarbeit, also verknüpft mit den Bedingungen der Sinngebung, Parteilichkeit und Identität.
Manche Wissenschaftler gehen sogar soweit, Gedächtnis mit Geschichte gleichzusetzen. Der breitere Konsens geht allerdings etwas differenzierter an das Problem heran.

Wie können wir also Geschichtswissenschaft betreiben und über historische Gegenstände Debatten führen? Ist es möglich, die Erinnerungen des Individuums in die Debatte mit einzubeziehen, ohne dass der Diskurs seinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verliert?

Der erste Ansatz einer möglichen Lösung dieses Problems ist durch die Analyse des Problems gegeben: Werden Mißstände aufgedeckt und ins Bewusstsein verankert, kann ein Diskurs stattfinden. Für Ricoeur ist das Sich-Bewusst-Sein des Unterschiedes von Geschichte und Gedächtnis ausschlaggebend:

    "Nur eine Kritik des Gedächtnisses bewahrt die historische Erkenntnis vor dogmatischen Schlüssen."
Das Geschichtsbewusstsein muss sich also der Dogmen, dem das Gedächtnis unterworfen ist (z.B. Traditionalität, Ethik, Identitätssicherung) im Klaren sein und eben das eigene - und andere - Gedächtnis einer Kritik unterziehen.
Zeugnisse, die Produkte der Geschichtsauffassung sind und Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben, müssen ebenfalls kritisch untersucht werden.
Dass die Auseinandersetzung mit Geschichte im dialektischen Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft steht, gehört ebenso in den Diskurs hinein wie das wechselseitige Bedingen von Gedächtnis, Kollektiv und Geschichte: (nationales, kulturelles) Gedächtnis bildet Kollektive, Kollektive bilden Identitäten, Identitäten bilden Gedächtnis, und Gedächtnis bildet Geschichte. Der Versuch der Distanzierung ist also nur in bestimmten Maße möglich; die Analyse hingegen eröffnet uns viele Möglichkeiten. Sind wir uns der Form bewusst, in der wir Zeugnisse vorfinden und in der die Debatte stattfindet, ist die Möglichkeit auf einen Konsens historischer Erkenntnis gegeben. Ebenso bewusst sein müssen wir uns darüber, dass die Form ständig veränderbar ist, war und sein muss, um historischer Erkenntnis einen breiten Raum zu geben.


Gesammelte Bibliographie

Assmann, Aleida, Erinnerungsräume, München 1999.
Assmann, Aleida und Heidrun Friese (Hrg.), Identitäten, Frankfurt /M. 1998.
Francois, Etiènne, Deutsche Erinnerungsorte, München 2001.
Kohli-Kunz, Alice, Erinnern und Vergessen, Berlin 1973.
Nietzsche, Friedrich, Vom Nutzen und Nachteil der Historie, in: Unzeitgemässe Betrachtungen, Goldmann: 1999.
Ricoeur, Paul, Das Rätsel der Vergangenheit, in: Essener Kulturwissenschaftliche Vorträge 2, Göttingen 2000.
Stern, Fritz, Verspielte Grösse, München 1996.
Weber, Max, Das Problem der historischen Begriffsbildung, in: Die Grenzen kulturwissenschaftlicher Begriffsbildung, Frankfurt /M. 1990.
Zeller, Joachim, Kolonialdenkmäler und Geschichtsbewusstsein, Frankfurt /M. 2000.