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Hausarbeit im Seminar für Afrikanische Literatur, Sommersemester 1998
Thema : Eine Auseinandersetzung mit Sol.T.Plaatjes Roman Mhudi

Mhudi, der Name, der mich zu dieser Homepage inspirierte, ist eigentlich ein um 1917 geschriebener Roman. Der Autor, der Südafrikaner Sol Plaatje, erzählt in seinem Werk die historische Geschichte eines Krieges in Südafrika, in dem ein Barolong-Clan mit Buren eine Allianz eingehen. Plaatje übt in seinem Werk scharfe Gesellschaftskritik und greift wesentliche Momente der Apartheid auf.


©2001 webmaster@mhudi.de
Mhudi : Idealisierung des traditionellen afrikanischen Lebens und Protest gegen weisse Machtübernahme?


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Forschungsstand und Methode

2.Hintergrund Plaatjes und seines Romans Mhudi
2.1 Kurze Beschreibung Plaatjes
2.2 Die politische Situation, in der Mhudi entstand

3. "Schwarz-Weiß-Denken" in Mhudi?
3.1 Kritik der Idealisierung traditionellen afrikanischen Lebens
3.2 Negative Darstellungen der Völker der Matabele und Buren und Protest gegen den Native Land Act

4. Differenzierungen durch Inhaltliche Aspekte und stilistische Mittel
4.1 Differenzierungen innerhalb der Völker
4.2 Stilmittel
4.2.1 Ironie als Mittel der Distanzierung
4.2.2 Plaatjes "Victorian Style" als ein Versuch der Emanzipierung aller Menschen

5. Plaatjes politische Motivationen

6. Nachbetrachtung

7. Bibliographie





1. Einleitung

1.1 Fragestellung

Im Jahr 1930 veröffentlichte der Südafrikaner Solomon T. Plaatje seinen Roman Mhudi, eine Liebesgeschichte mit dem historischem Hintergrund des Krieges zwischen den Matabele und Barolong um 1837, in dem die Buren eine Allianz mit den Barolong eingingen. Mhudi ist die weibliche Heldin des Romans, die während des Krieges ihren späteren Mann Ra-Thaga kennenlernt. Beide gehören zum Barolong-Clan. Mhudi war der erste Roman, der von einem Schwarz-Afrikaner original in Englisch geschrieben wurde. Plaatje war Zeit seines Lebens politisch aktiv, er setzte sich für die Rechte der Schwarz-Afrikaner ein und protestierte gegen weisse Unterdrückungspolitik. Dieser Protest wird auch in Mhudi deutlich. Beleuchtet man Plaatjes bisheriges Leben, im Besonderen seine Erfahrungen im Englisch-Burischen Krieg, kommt man leicht zu dem Schluss, Mhudi wäre ausschließlich ein Protest gegen Weisse Einmischung und Unterdrückungspolitik. Tatsächlich musste sich Plaatje den Vorwurf gefallen lassen, er würde traditionelles afrikanisches Leben idealisieren. Diese Behauptung schließt die Undifferenzierung und Ablehnung anderer Lebensweisen mit ein. In der Arbeit soll diskutiert werden, inwieweit diese Vorwürfe zutreffend sind und ob Plaatjes Protest im Roman gegen Unterdrückung und Ausbeutung ausschließlich auf Weisse zu beziehen ist.

1.2 Forschungsstand und Methode

Plaatje hatte kaum noch die Möglichkeit, zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen, er starb zwei Jahre nach der Veröffentlichung. Ich werde mich also hauptsächlich mit Aussagen aus Mhudi und verschiedener Kritiker auseinandersetzen, doch leider ist über S.T. Plaatje und Mhudi nicht sehr viel veröffentlicht worden. In der Arbeit werde ich zunächst Plaatjes politische Vergangenheit und die politische Situation erörtern, während der der Roman geschrieben wurde. Weiter werde ich verdeutlichen, daß Mhudi einen klaren Protest gegen den Native Land Act im Besonderen, und somit gegen weisse Unterdrückungspolitik allgemein impliziert. Weitere Textstellen werden jedoch darstellen, dass Plaatje sich nicht auf einen "Schwarz-weiss Denker" reduzieren lässt und in der Lage ist zu differenzieren, sowohl innerhalb weisser wie schwarzer Völker. Hierbei wählt Plaatje aussergewöhnliche Mittel. Sein oft kritisierter "Victorian Style" ermöglicht es Plaatje, seine Charaktere zu emanzipieren und auf einem Niveau sprechen zu lassen, denn Differenzierungen auf unterschiedlicher Grundlage sind schwer möglich. Dabei sollte uns die Ironie seines Stils nicht abhanden kommen. Ich werde verdeutlichen, dass Plaatje von seinem Leser sehr viel mehr erwartete als Worte lesen. Seine Ironie, die an vielen Stellen in Mhudi zu finden ist, gibt seinem Werk Tiefe und ermöglicht es, vorhandene Verhaltensmuster (oder Traditionen) aufzulösen, bzw. kritisch zu betrachten. Auch werde ich Plaatjes Intentionen, Mhudi zu schreiben, erörtern, denn diese geben uns Aufschluss, ob Plaatjes Protest gegen Unterdrückungs- und Machtpolitik sich ausschließlich gegen Weisse richten sollte.





2. Hintergrund Plaatjes und seines Romans Mhudi

2.1 Kurze Beschreibung Plaatjes

S.T.Plaatje wurde 1876 auf einer Farm nahe Kimberley im Orange-Free-State geboren. Seine Eltern gehörten zu den Barolong (Gruppe der Betchuana) und zu den frühen Christen dieser Gegend. Plaatje besuchte eine Missionsschule die er früh verließ und heiratete Elizabeth Mbelle. Er war Mitbegründer des South African Native National Congress (Vorreiter des ANC) und arbeitete ab 1912 als dessen Generalsekretär. 1913 protestierte er in London erfolglos gegen den Native Land Act und verbrachte dann einige Zeit in England, Canada und den US. Später bereiste er Afrika und studierte in Congo Labour und Social Conditions. Er starb 1932 an Lungenentzündung in Nancefield.1
Einen wichtigen Abschnitt seines Lebens verbrachte Plaatje in Mafeking, wo er als Gerichtsinterpreter tätig war (1898-9). Vornehmlich bestand seine Aufgabe darin, während des Englisch-Burischen Krieges bei Gerichtsverfahren aus dem Englischen ins Niederländische und in verschiedene afrikanische Sprachen zu übersetzen. Sicherlich ist aus dieser Zeit zu erklären, warum Plaatje Buren gegenüber nicht besonders wohlgesonnen war. Dies geht aus seinen Aufzeichnungen, die er während dieser Zeit machte und die später als A Boer War Diary veröffentlicht wurden, hervor.2
Andere Veröffentlichungen Plaatjes sind u.a.:
Native Life in South Africa (1916) und Sechuana Proverbs and their European Equivalents (1916). Ausserdem übersetzte er mehrere Shakespeare-Dramen ins Sechuana.

2.2 Die politische Situation, in der Mhudi entstand

Es ist nicht genau geklärt, wann Mhudi entstand. Aufgrund des Bezuges zum Native Land Act an einigen Stellen des Romans kann angenommen werden, dass Plaatje schon um 1913 anfing, Mhudi zu schreiben. Sicher ist, dass der Hauptteil ab 1917 geschrieben wurde und der Roman 1920 fertiggestellt war. Jedoch fand sich weitere zehn Jahre kein Verleger.3

Am 31. Mai 1910 gründeten die vier Gebiete Orange-Freestate, Transvaal, Kap und Natal die Südafrikanische Union. Die drei unter britischem Protektorat stehenden Territorien Basutoland (heute Lesotho), Betchuanaland (heute Botswana), Swasiland und Rhodesien (heute Simbabwe) wurden nicht Teil der Union. Englisch und Niederländisch wurden offizielle Landessprachen.
Im September 1910 fanden die ersten Wahlen statt, die von der Südafrikanischen Nationalpartei (SAP), einer Koalition verschiedener gemäßigter Gruppierungen, gewonnen wurden. Der größte Widersacher der gemäßigten Strömung war die National Party (NP), die sich für die Interessen der Buren stark machte und für ein nach Ethnien getrenntes Bildungssystem sowie die Unabhängigkeit von Großbritannien eintrat. Bald nach der Gründung der Union wurden eine Unzahl repressiver Gesetze erlassen, nach denen es z.B. schwarzen Arbeitern verboten war zu streiken, qualifizierte Berufe nur Weissen offenstanden, Schwarze vom Militär ausgeschlossen wurden und ihre Bewegungsfreiheit durch ein verschärftes Passgesetz eingeschränkt wurde. Der Native Land Act von 1913, ein Landgesetz zur Regelung von Grundbesitz, gestand den Schwarzen lediglich 7,5% des gesamten Landes als Besitz zu. Kein schwarzer Afrikaner, und damit über 70% der gesamten Bevölkerung, durfte ausserhalb eines bestimmten Gebietes Land kaufen, mieten oder pachten. Tausende wurden von den Farmen vertrieben und waren gezwungen, in zunehmend überfüllte und verarmte Reservate oder in die Städte zu gehen. Diejenigen, die blieben, besaßen den Status besitzloser Arbeiter. Der Grundstein für die Apartheid war gelegt.4


1Tim Couzens, 1989, Vorwort in Mhudi, p. 2-5.
2In der Bibliographie angegeben unter: Mafeking Diary.
3Brian Willan 1984, p. 349-50.
4Jon Murray 1996, p. 115-6.




3. "Schwarz-Weiß-Denken" in Mhudi?

3.1 Kritik der Idealisierung traditionellen afrikanischen Lebens

Verschiedene Kritiker warfen Plaatje vor, er würde in Mhudi die traditionelle afrikanische Lebensweise und deren Gebräuche idealisieren.5 Dieser Vorwurf schließt die Kritikunfähigkeit gegenüber der traditionellen afrikanischen Gesellschaft und gleichzeitig die Ablehnung anderer Lebensweisen (in diesem Fall die der Europäer) mit ein. Doch was ist für Plaatje die "traditionelle afrikanische Lebensweise"?
Tim Couzens, ein Kritiker, der sich in den 70er Jahren mit Mhudi beschäftigte, bezieht diesen Begriff auf die Gruppe der Barolong6, der Plaatje selbst angehörte und dessen Schicksal er in Mhudi beschreibt. Der Vorwurf der Idealisierung gründet sich hauptsächlich auf die besonders detaillierte und positive Beschreibung der barolongschen Lebensweise am Anfang des Buches. Plaatje schreibt hier:

    (...) [The Barolong] raised their native corn which satisfied their simple wants. (...) They also (...) manufactured useful implements which today would be pronounced very crude by their semi-westernized descendants. (...) The simple women of the tribes accepted wifehood and transacted their onerous duties with the same satisfaction and pride as an English artist would the job of conducting an orchestra. (...) Strange to relate, these simple folk were perfectly happy without money and silver watches. Abject poverty was practically unknown; they had no orphanages because there were no nameless babies. (...)7
Auch an anderen Textstellen werden die Barolong friedfertiger als die Matabele beschrieben8, und deren Häuptling, Chief Tauana, als einen Mann, der salomonische Urteile fällt9.

3.2 Negative Darstellungen der Völker der Matabele und Buren und Protest gegen den Native Land Act

Die Völker der Matabele sowie der Buren werden dagegen deutlich aufgrund ihrer Neigung zur Brutalität, Machtdemonstration und des Glorifizierens des eigenen Volkes kritisiert. So werden im ersten Kapitel die Matabele, insbesondere die Führung des Häuptlings Mzilikazi, als sehr blutrünstig beschrieben. Plaatje schildert, wie die Matabele schon Jahrhunderte lang Krieg gegen andere Völker geführt haben10, und weiter, wie sich Mzilikazi bei der Siegesfeier nach der Schlacht in Kunana, bei der die Matabele zum Entsetzen der Barolong Frauen und Kinder niedermetzelten11, feiern läßt12. Es wird erzählt, wie Mzilikazi dreissig seiner Hellseher hinrichten lässt, weil sie ihm einen schlechten Ausgang des Feldzuges gegen die Barolong vorhersagten13, ferner, dass seine Soldaten, sollten sie einmal nicht siegreich zurückkehren, ebenfalls in der Angst leben mussten, hingerichtet zu werden14.

Die Buren werden nicht so umfassend brutal dargestellt, aber es gibt eine bezeichnende Textstelle, in der Mhudi mitansehen muß, wie die Buren eine ihrer Bediensteten, ein "Hottentotten-Mädchen" (wie Plaatje es selber bezeichnet), behandeln. Er schreibt:

    (...)The old lady pulled a poker out of the fire and beat the half naked girl with the hot iron. The unfortunate maid screamed and writhed with the pain as she tried to escape. A stalwart young Boer (...) pressed the head of the hottentot girl against the vice; the old lady pulled her left ear between the two irons, then screwed the jaws of the vice tightly upon the poor girl's ear. (...) The screams of the girl attracted several Dutch men and women who looked as though they enjoyed the sickly sight. (...)15

Aus dem Text wird deutlich, daß die Buren es völlig normal finden, ihre schwarzen Bediensteten zu misshandeln. An einer anderen Stelle kritisiert Plaatje die Hinterhältigkeit, mit der die Buren sich das Land aneignen wollen, und kritisiert damit indirekt den Native Land Act:

    (...) [Potgieter] gave [the Barolong] his word of honour that after killing off the Matabele and looting their property, they would make a just division of the spoil by keeping all the land for the Boers and handing over the captured cattle to the Barolong. "What an absurd bargain!" exclaimed Chief Tauana (...), "what could one do with a number of cattle if he possessed no land on which to feed them? Will his cattle run on the clouds?" (...)16

Letztlich einigen sich die Buren und Barolong im Roman auf die Konditionen der Barolong: Sie sollen das Land ihrer Vorfahren zurückbekommen, die Buren den Rest des Landes.17 Im Roman kommt es zwar nicht mehr dazu, dass die Buren diese Vereinbarung brechen, jedoch sagt Mzilikazi voraus, dass den Buren nicht zu trauen sei:

    (...) "The Bechuana are fools to think that these unnatural white men will return their so-called friendship with honest friendship. (...) [The white men] will despoil them of the very lands they have rendered unsafe for us; they will entice the Bechuana youths to war and the chase, only to use them as pack-oxen." (...)18

Plaatje spielt hier in deutlichen Worten auf spätere Geschehnisse in Südafrika an und begründet gleichzeitig, weshalb der Native Land Act absolut ungerechtfertigt ist: Das Land gehört schon seit Generationen dem schwarzen Volk, sie haben dafür gekämpft, es bedeutet einen Großteil ihrer Tradition und ist somit wichtig für ihr Leben. Wichtig erscheint mir, dass Plaatje hier beide Völker kritisiert, allerdings begründet sich die Brutalität der Matabele anders als die der Buren. Den Buren unterstellt Plaatje eine rassistische Brutalität. Ihr Überlegenheitsgefühl resultiert aus ihrer weissen Hautfarbe.

So sagt selbst der Bure De Villers, mit dem sich Ra-Thaga anfreundet:

    (...) " Man, Ra-Thaga, I always told you that you had a brown skin over a white heart." (...)19

De Villers sagt dies in dem Glauben, Ra-Thaga ein Kompliment zu machen.
Das Überlegenheitsgefühl der Matabele resultiert hingegen aus ihrer Macht über andere Völker. Diese Macht können sie nur durch Brutalität demonstrieren, bzw. muss man hier in der Einzahl sprechen, da es scheint, als wäre der eigentlich machtbesessene Mzilikazi, der seine Terrorherrschaft so auslebt, dass seine Untertanen keine andere Wahl haben, als seinen Anordnungen Folge zu leisten. Mzilikazi ist es gleich, ob er über schwarz oder weiss herrscht, er möchte allen überlegen sein.
Plaatje unterscheidet zwar die Ursachen von Brutalität, wägt aber nicht die eine gegen die andere ab, was bedeutet, die Buren werden aufgrund ihrer rassistischen Brutalität nicht negativer dargestellt als die Matabele. Man erfährt sogar häufiger die Brutalität der Matabele.

Plaatje grenzt also die Lebensweise der Barolong positiv gegenüber anderen Völkern ab, jedoch werde ich darstellen, dass er keinem Volk eine ihm ureigene negative oder positive Charaktereigenschaft zuspricht, d.h., er differenziert nicht nur innerhalb der Völker, sondern auch innerhalb der Menschen: Der gute Mensch wird böse, der Böse ist auch gut. So wird der Leser seine schon gefasste Meinung über einen Menschen oder ein Volk im Laufe des Romans ständig revidieren.


5Siehe dazu: Tim Couzens 1973,p. 1-19,auch: Jan-Heinz Jahn 1966,p. 90.
6Ibid.
7Sol.T.Plaatje 1989 (1. Aufl. 1930), p. 25-7. Alle Seitenzahlen der zitierten Textstellen beziehen sich auf die in der Bibliographie angegebene Ausgabe von Mhudi.
8Ibid., p. 136.
9Ibid., p. 106, 122-3.
10Ibid., p. 28-9.
11Ibid., p. 32.
12Ibid., p. 51-2.
13Ibid., p. 98-103.
14Ibid., p. 102-3, 136.
15Ibid., p. 116.
16Ibid., p. 141-2.
17Ibid., p. 142.
18Ibid., p. 175.
19Ibid., p. 159.




4. Differenzierungen durch inhaltliche Aspekte und stilistische Mittel

4.1 Differenzierungen innerhalb der Völker

Der Vorwurf, Plaatje idealisiere die Lebensweise der Barolong, da er diese als die wahre afrikanische Tradition ansieht, ist leicht aufzulösen, sieht man sich folgende Textstelle an:

    (...) A contingent of men, (...) Ra-Thaga among them, (...) [made] their way in the direction of Kunana. (...) To speak the truth, Ra-Thaga and the other young bloods were glad. Old men liked to recount their wondrous deeds of valour in the wars they fought, and young men were always pining for an opportunity to test their own strength in a really good fight. (...)20

Weiter schildert Plaatje, wie die Barolong nach ihrem Sieg über die Matabele gefallen an Waffen, Eroberung und Reichtum finden:

    (...) They said: "In fruitful years folk could revel in plenty; and when supplies ran short [we] could always raid [our] neighbours, kill off the people with little opposition, round up [our] stock and distribute the raided cattle among the needy." (...)21

Hier handelt es sich nicht um Brüche mit der Tradition, oder um Ausnahmen, sondern um Teile der Tradition, wie aus o.a. Zitat deutlich wird.
Im Roman verdeutlicht Plaatje, dass er grundsätzlich jede Form der Brutalität, Ausbeutung, Unterdrückung und Machtdemonstration ablehnt. Gleichzeitig schildert er nicht nur die kriegerische Tradition der Barolong, sondern, wie ich schon dargestellt habe, die der Matabele. Dies bedeutet, dass Plaatje hier eine Seite der afrikanischen Tradition aufzeigt, mit der er keineswegs konform geht. Er glorifiziert hier nicht, sondern eine Hauptintention, Mhudi zu schreiben, wird hier deutlich: beide Seiten einer Geschichte aufzuzeigen. Der penible Leser wird auf diese Aussage immer wieder stossen. Die Barolong, die das noble, das "gute" Volk sind, die es sein müssen, weil der Autor, Plaatje selbst, ein Barolong ist, und sich jeder mit den Seinen identifiziert, bekommen negative Charakterzüge und werden kritisch betrachtet. Plaatje hat in diesem Bewusstsein sorgfältig seine Charaktere ausgewählt. So sagt z.B. Mzilikazi, ausgerechnet der blutrünstige Herrscher, schon am Anfang des Romans:

    (...) A man has two legs so as to enable him to walk properly. (...) A man has two hands; to hold his spear in the one and his shield in the other. (...) A man has two ears so as to hear both sides of a dispute. A man who joins a discussion with the facts of one side only, will often find himself in the wrong. (...)22

Ebenso sagt der Bure Sarel Cillers:

    (...) "There are always two points of view. The point of view of the ruler is not always the viewpoint of the ruled." (...)23

Hier teilt uns Plaatje deutlich mit, weshalb er Mhudi in Englisch schrieb: Afrikanische Geschichte aus der afrikanischen Sicht und nicht aus der europäischen zu schildern. Plaatjes Geschichte ist weniger "weiss orientiert", er zeigt damit auf, was die europäische Geschichtsschreibung oft versäumt hat: dass Afrika eine Geschichte hat, die noch vor den ersten europäischen Immigranten begann, und natürlich auch vor der Machtübernahme der Weissen. Aber Plaatje geht in diesem Zusammenhang noch weiter: Er zeigt auf, dass Afrika noch vor den Weissen eine kriegerische Geschichte hat. Er sagt es damit deutlich: Nicht nur die Weissen sind an Krieg und am Unfrieden in Afrika schuld. Dies bedeutet, dass Plaatje nicht nur den Europäern eine neue Sicht afrikanischer Geschichte nahebringen wollte. Ich denke, dass er seinen Landsleuten mit Mhudi mitteilen wollte, dass auch ein moralischer Wandel der Werte und Normen der schwarzen Gesellschaften notwendig ist.
Natürlich aber ist Mhudi sicherlich vorrangig für die europäische Bevölkerung geschrieben. Die Tatsache, dass nur wenige Schwarz-Afrikaner die Möglichkeit hatten, die englische Sprache zu erlernen, lässt sich kaum von der Hand weisen.

Das "Gut-und-Böse-Denken", oder auch "Schwarz-Weiss-Denken", das Plaatje unterstellt wurde mit dem Vorwurf der Idealisierung, löst sich bei der Betrachtung der Matabele auf. Charaktere bekommen nur Mzilikazi und seine erste Frau Umnandi. Alles Übel wird somit der Führung Mzilikazis vorgeworfen, sein Volk handelt nur auf seinen Befehl. Natürlich könnte auch diese Autoritätshörigkeit den Matabele vorgeworfen werden, dies kritisiert Plaatje aber ebensowenig bei den Matabele wie bei den Barolong. Mzilikazis Wandlung am Ende des Romans zum moralischen Menschen ist nicht nur auf den Verdienst seiner Frau Umnandi, sondern auch auf seine Selbsterkenntnis zurückzuführen.24 Weisheit hat Plaatje ihm nie abgesprochen (s.o.), nur Sensibilität.
Um die Wandlung Mzilikazis zu unterstützen, benutzt Plaatje eine bestimmte Erzählperspektive: Es gibt einen allwissenden Erzähler, jedoch wird immer aus einer bestimmten Perspektive erzählt, meist der Barolong. Diese Perspektive ist bewusst subjektiv, so ist es nur logisch, dass die Matabele negativ dargestellt werden, wenn sie aus der Sicht der Barolong beschrieben werden. An dem Punkt, an dem sich Mzilikazis Wandlung vollzieht, wird aus seiner Perspektive erzählt - die Perspektive verschiebt sich (Shifting Perspektive).25

Auch bei den Buren wird differenziert. Bestes Beispiel dafür ist die Freundschaft zwischen De Villers und Ra-Thaga. Jeder erlernt die Sprache des anderen und fragt ihn sogar nach der Meinung.26 Sie respektieren einander und können Missverhältnisse zwischen ihren Völkern unter sich klären; trotzdem bleibt jeder seiner Tradition treu: De Villers wird nie einen Schwarzen aus seiner Wasserschale trinken lassen27, und Ra-Thaga wird die Lebensweise seines eigenen Volkes immer als die wahre, die richtige, empfinden. Diese Freundschaft hat zwar Ausnahmecharakter, da die Buren von Plaatje oft als brutal und rassistisch gegenüber Schwarzen geschildert werden, jedoch erfährt man auch über die Buren, dass sie im Grunde nichts weiter wollen als ein Stück Land, auf dem sie in Frieden leben können, wenn auch unter sich. Chief Moroka, ein anderer Barolong-häuptling, erzählt:

    (...) Crossing the Kikwe (...), [the Boers] forded the Namagadi River, and then camped at a place which we must now call Battlehill. Here they remained in their wheeled houses and peacefully fed their children on the meat of the springbuck, (...) and other antelopes of our plains. Then, while the Boers were quietly drying their venison in the sun, Mzilikazi (...) sent an army which cast a thousand spears into Sarel's city. (...)28

Nach ihrem gemeinsamen Sieg über die Matabele feiern die Buren ausgelassen mit den Barolong.29 Die Buren werden keineswegs grundsätzlich fremdenfeindlich dargestellt.

4.2 Stilmittel

Plaatjes Stilmittel geben weiteren Aufschluss über seine Intentionen und Ansichten, die untersucht werden müssen wenn festgestellt werden soll, ob Plaatje sein Volk idealisiert und die Lebensweisen Anderer ablehnt.

4.2.1 Ironie als Mittel der Distanzierung

Ironie kann in sehr verschiedenen Facetten zum Ausdruck gebracht und zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden. Ich behaupte, dass Plaatje mit seiner Ironie in Mhudi Kritik üben wollte, aber hauptsächlich beabsichtigte, sich von seinem Volk zu distanzieren und seine Leser zum Nachdenken anzuregen. Deshalb wählte er auch eine Form der Ironie, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist und nur deutlich wird, wenn bei entsprechenden Textstellen nicht vergessen wird, was für ein Mensch Plaatje war und welche Ansichten er vertrat. Dies ist der Grund, weshalb Plaatje falsch verstanden wurde und ihm Idealisierung vorgeworfen wurde.
Sieht man sich die oben schon zitierte Beschreibung der Barolong am Anfang des Buches an, stellt man fest, dass Plaatje von "simple wants", "simple women" und "simple folk" spricht. Ob Plaatje die Wünsche der Barolong simpel fand, sei einmal dahingestellt. Anmerken möchte ich hier nur, dass die Barolong im Roman danach strebten, genügend Nahrung zu haben, um sich zu versorgen, genügend Land, um diese Nahrung zu produzieren (das Land, was ihnen auch zustand, wie sie fanden), und ein friedliches Leben. Also genau das, wofür Plaatje, als er den Roman schrieb, kämpfte. Dies sei aber nur nebenbei erwähnt.

Was Plaatje sicherlich wirklich als simpel empfand, war die Art und Weise, wie die Barolong ihre Wünsche befriedigten. So schreibt er, dass nur wenig Handel betrieben wurde und:

    (...) When the rainy season was good everyone had too much corn, and in years of drought the majority went short of porridge. (...)30

Die Ironie lässt Plaatje hierbei entstehen, indem er diesen prägnanten Aspekt innerhalb einer doch sehr (überzogen) idyllischen Beschreibung nebenbei, wie es scheint, erwähnt. Diese idyllische Beschreibung, die auch und evtl. hauptsächlich die Grundlage seiner Ironie ist, brachte ihm den Vorwurf der Idealisierung ein. Plaatjes Idylle entsteht durch die Schilderung des offensichtlich einfachen Lebens der Barolong, wobei "einfach" nicht im Sinne von "leicht", sondern eben im Sinne von "simpel" gemeint ist. Einfachheit erscheint vielen Menschen in diesem Jahrhundert als relativ erstrebenswertes Ziel, ist doch das Leben so kompliziert geworden. Wäre das Leben nicht einfach, wenn man wüsste, welche Aufgaben man im Leben hat, wenn man sich nicht mit der Weltpolitik herumschlagen müsste und eine obere Instanz alle Entscheidungen abnehmen würde?
Plaatje schreibt:

    (...)Cattle breeding was the rich man's calling. (...) In the summer [the women] cleared the cornfields, (...) in winter times [they] cut the grass. (...) These peasants were content to live their monotonous lives, and thought nought of their oversea kindsmen who were making history on the plantations (...) of Virginia and Mississippi (...); nor did they know or care about the relations of the Hottentots and the Boers at Cape Town. (...)31

Plaatje war ein sehr fortschrittlicher Mensch: Er war einer der ersten, die sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigten, also woher er kam und wer seine Vorfahren waren.32 Und er war ein sehr zukunftsorientierter Mensch, der schon früh die Geschehnisse der Gegenwart reflektierte, um für die Zukunft vorzusorgen.33 Er kämpfte nicht nur gegen den Native Land Act weil er voraussah, dass dies eine Katastrophe für alle Schwarz-Afrikaner bedeutete, sondern weil er auch wusste, dass dies erst der Anfang der Apartheid war. Plaatje hat Zeit seines Lebens Verantwortung für sein Land gezeigt. Er engagierte sich so sehr in der Politik, dass er oft von seiner Familie getrennt lebte, obwohl Briefe aus seinem Nachlass zeigen, dass ihm dies sehr schwer fiel.34
Plaatje hat also sicherlich keine Gesellschaft befürwortet, die es vom Regen abhängig machte, ob sie genug Nahrung produzieren konnte. Plaatje hätte dies als verantwortungslos empfunden und für fortschrittlichere Methoden der Nahrungsbeschaffung plädiert, mangelte es doch bei Dürre sicherlich nicht nur an Porridge.

Diese Lebensart wäre also erstens kein erstrebenswertes Ziel für Plaatje aufgrund der Verantwortungslosigkeit gegenüber dem eigenen Land und auch den eigenen Entscheidungen.
Zweitens löst sich die Idylle der Einfachheit der Barolong im Roman auf, so z.B. bei der Begegnung zwischen den Buren und Barolong, bei der Chief Moroka den Buren eine Lektion im Bibelwissen erteilt.35 Hier spricht die pure Ironie, sollten doch die Barolong,, siehe Zitat oben, ausschließlich über ihre eigenen Lebensweisheiten aufgeklärt sein.
Und drittens wird im Laufe des Romans deutlich, dass Plaatje Frauen eine besondere Lebensweisheit unterstellt, weshalb sich die Aussage, die barolongschen Frauen seien simpel (gestrickt), sicher nicht mit der wirklichen Auffassung Plaatjes deckt. Plaatje kehrt im Roman bestehendes Rollenverhalten um und stellt es in Frage. Ironischerweise wird das "schwache" Geschlecht das starke, so ist z.B. bei den Begegnungen mit Löwen stets Mhudi die Mutige und Starke, die ihrem ängstlichen Mann Ra-Thaga das Leben rettet.36

4.2.2 Plaatjes "Victorian Style" als ein Versuch der Emanzipierung aller Menschen

Plaatjes alt-englischer Sprachstil, den er von Shakespeare übernommen hat, brachte ihm die Kritik ein, seine Charaktere wären nicht real und seine Dialoge realitätsfern.37
Plaatje hat mit diesem Stil ein grundsätzliches Problem der englischsprachigen afrikanischen Literatur gelöst: die Linguistik der verschiedenen Völker auf ein Niveau zu bringen; ein Niveau, auf dem sich alle handelnden Charaktere unterhalten können, ohne dass jemand niveauvoller spricht als ein anderer aufgrund der Tatsache, dass der eine in seiner Muttersprache spricht und der andere dieser Sprache nicht völlig mächtig ist, bzw. ohne dass sich die Völker ständig missverstehen aufgrund verschiedener Bedeutungen der Sprachgehalte, wie es, realistisch dargestellt, wäre.
Plaatje verdeutlicht dieses Problem an einer Stelle:

    (...) Chief Moroka was not as great an orator (...) but he excelled in philosophy. (...) His speeches abounded in allegories and proverbial sayings. (...) When he called for silence, (...) the crowd pressed forward and eagerly hung on every word, but it must be added that much of the charm is lost in translation. (...)38

Plaatjes Stil ist ein Mittel, alle im Roman handelnden Personen auf einer Ebene kommunizieren zu lassen, die niemanden benachteiligt. Die Sprache macht ununterscheidbar, wer spricht: ob Bure oder Barolong, ob Mann oder Frau. Plaatje unterstreicht mit diesem Stil seine Auffassung der Ebenbürtigkeit aller Menschen.


20Ibid., p. 30.
21Ibid., p. 147.
22Ibid., p. 58.
23Ibid., p. 84.
24Ibid., p. 172-81.
25Ibid., p. 167-81.
26Ibid., p. 114, 156-60.
27Ibid., p. 118.
28Ibid., p. 112.
29Ibid., p. 148.
30Ibid., p. 27.
31Ibid.
32Brian Willan 1984, p. 4-7.
33Dies wird vor allem in Plaatjes Mafeking Diary ersichtlich, was er im Alter von nur 21 Jahren schrieb.
34Nachzulesen in: Brian Willan 1984.
35Sol.T.Plaatje 1989, p. 84.
36Ibid., p. 62-6, 77-8.
37Jan-Heinz Jahn 1961, p. 200.
38Sol.T.Plaatje 1989, p. 111-2.




5. Plaatjes politische Motivationen

Plaatje zeigt in Mhudi, dass Traditionen keine starren Gesellschaftsformen sind, sondern ein immerwährender Prozess der Entwicklung und Veränderung äussrer Einflüsse. Er befürwortet die Weiterentwicklung seines Landes, jedoch weist er daraufhin, dass jede Entwicklung kritisch beobachtet werden muss. Seine Geschichte läuft auf die eine Frage hinaus: Wird es Frieden zwischen allen Völkern geben?
Plaatje bleibt insoweit bei der Realität, dass er das Ende offenlässt, mit einem Fingerzeig auf spätere Ereignisse (siehe Mzilikazis Voraussage). Der Leser weiss heute, wie die Geschichte ausging, und einen Teil der Geschichte kannte auch Plaatje. Trotzdem war Plaatjes politische Motivation nicht die Anklage, sondern seine Sicht der Geschichte zu schildern und zu verdeutlichen, wofür er eintritt: Für ein friedliches Miteinander von schwarzen und weissen, schwarzen und schwarzen Völkern.

Lösungsmöglichkeiten finden wir teilweise in seiner Kritik. Einer der wichtigsten Punkte hierbei ist die Kritik am Native Land Act, welcher stellvertretend für alle Unterdrückungsmechanismen des gesamten Apartheidsregimes verstanden werden muss. Jedoch unterstellt Plaatje nicht alles "Böse" den Weissen. Er zeigt, dass Traditionen Schlechtes hervorbringen können, wie z.B. Rassismus, jedoch unterstellt er diesen Traditionen nicht von vorneherein eine böse Absicht.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Schwäche seines Landes, für Neues offen zu sein und gleichzeitig gesundes Misstrauen zu haben. Wie ich unter Punkt 4.2.1 gezeigt habe, befürwortet Plaatje den Fortschritt, damit einhergehend die Aufgeklärtheit des Menschen.
Fortschritt bedeutet also in diesem Sinne die Vernunft der Menschen zu erkennen, dass jeder Mensch dem anderen ebenbürtig ist. Der Schwache hat das gleiche Recht zu leben wie der Starke, ebenso hat die eine Tradition das gleiche Recht zu existieren wie die andere (natürlich immer unter der Voraussetzung der Humanität). Mhudi, die im Roman "Mother Africa" repräsentiert, die Unabhängigkeit, freien Willen, Stolz und Mut in sich vereint, zeigt, dass sie nicht bereit ist, Neues und anderes zu akzeptieren: Aufgrund der äusseren Andersartigkeit der Buren begegnet sie ihnen mit Ablehnung.
Erst als sie mit deren Brutalität konfrontiert wird, begründet sich ihre ablehnende Haltung. Ich denke, dass Plaatje aufgrund eigener Erfahrungen dazu anmahnen wollte, wachsam zu sein, jedoch sicherlich nicht für eine Ablehnung allem Fremden gegenüber plädierte.
Ra-Thaga ist ebenso wenig fähig zu "gesundem" Misstrauen. Von Anfang an ist er interessiert und neugierig, jedoch lässt seine Begeisterung nicht zu, Missstände zu erkennen. Erst als Mhudi ihn darauf stößt, beginnt er, die Buren kritischer zu betrachten. Daraus resultiert aber lediglich Ra-Thagas Meinung, seine Tradition und die damit verbundenen Ansichten wären die einzig wahren, doch trotzdem entwickelt er kein Misstrauen, dass ihm sagen würde, im Umgang mit den Buren vorsichtig zu sein.
Plaatje hat aus der Geschichte gelernt. Sein Motto würde ich so formulieren: Man muss immer Misstrauen haben, man darf nur keines zeigen.

In die oben schon dargestellte Emanzipation aller Menschen bezieht Plaatje auch die der Frauen mit ein. In Mhudi sind die Frauen die Stützen ihrer Männer, und sie schaffen durch ihre Weisheit, ihre Männer zu beeinflussen (siehe Mzilikazi) und gesellschaftliche Barrieren zu überwinden. Plaatjes Rezept für eine gegenseitige Akzeptanz und Toleranz heisst Völkerverständigung: einander kennenlernen um einander zu verstehen. Die Frauen im Roman, Mhudi, Umnandi und Hannetje, die zukünftige Frau De Villers, freunden sich trotz sprachlicher Probleme miteinander an und erfüllen so Plaatjes Wunschvorstellung für die Zukunft.
Plaatje zeigt hier, dass er bereit ist, Verantwortung zu zeigen und Einfluss (oder Macht) zu teilen. Dies zeigt er im Roman auch bei der Ankunft der Buren, denen die Barolong sagen, sie könnten bleiben, es sei genug Land für alle da.39 Auch der ANC, dessen Mitinitiator Plaatje war, hat nie für ein rein schwarzes Afrika plädiert. Er trat immer für gleiche Rechte auch für die Weissen im Land ein und verfolgte somit eine Politik, die allen Traditionen gleiche Rechte einräumte. Diese Aspekte machen deutlich, dass Plaatjes politische Aussagen, bzw. seine Kritik, nicht nur an Weisse gerichtet sind, sagt Umnandi es uns doch deutlich:

    (...) "So long as there are two men left on earth there will be war." (...)40

Plaatje hat es hoffentlich nicht so pessimistisch gesehen. Aber dieser Schlüsselsatz teilt dem Leser seine Absicht mit: die Europäer zu warnen und die Schwarz-Afrikaner zu mahnen, daß man nur miteinander zu einer akzeptablen Lösung für alle kommen kann.


39Ibid., p. 84.
40Ibid., p. 165.




6. Nachbetrachtung

Als Plaatje Mhudi schrieb, war er geprägt durch die Geschichte seines Landes. Mhudi ist ein politischer Roman, der Geschichte neu erzählt und Kritik nimmt an der Eigenheit des Menschen, Krieg zu führen, andere Menschen zu unterdrücken und Macht zu demonstrieren. Plaatje konnte sich aufgrund der eigenen Erfahrungen und der Geschichte seines Volkes nicht völlig von Vorurteilen durch Verallgemeinerungen freimachen. Trotzdem er in Mhudi imstande ist, Völker und Menschen zu differenzieren, ist sein Volk dennoch positiver, friedfertiger und teilweise intelligenter dargestellt als andere, und man spürt sein großes Misstrauen gegenüber anderen Völkern.
Aber er idealisiert nicht die traditionelle afrikanische Lebensweise, sondern nur die seines eigenen Volkes. Das ist ein Unterschied. Ich habe den Eindruck, dass Plaatje sich seiner Vorurteile ebenso bewusst war wie der Tatsache, dass er sich davon nie lösen würde, da jeder Mensch geprägt ist von seiner Heimat, seiner Tradition, seinem Volk. Er wandte einen "Trick" an, um in Mhudi seine Vorurteile darzustellen, ohne sich ihnen hinzugeben: Die oben schon erwähnte "Shifting Perspective". Die Buren beschrieb nicht Plaatje als naives Volk, da sie absolut nach den Gesetzen der Bibel lebten, sondern es war Chief Moroka, der sie bloßstellte (Plaatje hätte hier auch einen allwissenden Erzähler einsetzen können).
Plaatje war Neuerungen und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen, hoffte er doch, alle Menschen würden eines Tages in friedlicher Gleichberechtigung miteinander leben. Dies wäre wohl nicht so gewesen, hätte er die afrikanische Tradition idealisiert.

Mhudi ist somit kein Roman, der sich ausschließlich gegen Weisse richtet. Ich denke, die Differenzierungen, die ich aufgezeigt habe, und die Misstände, die Plaatje in den afrikanischen Völkern geschildert hat, zeigen dies deutlich. Dennoch relativiert sich sein Optimismus vom Zusammenleben von Schwarz und Weiss, denn er warnt Afrika, wie oben schon erwähnt, nicht zu vertrauensvoll zu sein, und letztlich gehen die Buren und die Barolong am Ende des Romans getrennten Wege. Aber dies tun die afrikanischen Völker auch. Der Protest in Mhudi gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg ist also allgemein zu verstehen.
Ob Plaatje seinen Roman 50 Jahre später genauso geschrieben hätte, wird man nie erfahren. Ich wage es zu bezweifeln. Plaatje war vermutlich der Meinung, die schlimmsten Ausläufer der Apartheid miterlebt zu haben. Es wäre nur menschlich, nach den Erfahrungen der nächsten Jahre zu verbittern, und die Möglichkeit eines Schwarz-Weißen Zusammenlebens abzulehnen. Vielleicht wäre Plaatje aber auch Anhänger der Politik des ANC geblieben, der nicht auf Wiedergutmachung und Reparationen bestand, und hätte dadurch seinem Land die Chance gegeben, die es heute hat: eines friedlichen Zusammenlebens aller Völker Südafrikas.



7. Bibliographie - alphabetisch

  • Couzens, Tim, Sol Plaatje's Mhudi, The Journal of Commonwealth Literature, VIII, Nr. 1, Juni 1973: 1-19.
  • Couzens, Tim, Mhudi, Ed. Stephen Gray, London: Heinemann, 1989: 1-20.
  • Jahn, Jan-Heinz, Muntu, London: Faber, 1961.
  • Jahn, Jan-Heinz, A History of Neo-African Literature, London: Faber, 1966.
  • Murray, Jon, Südafrika, Stephan Loose Verlag, 1996.
  • Plaatje, Sol.T., Mhudi, Ed. Stephen Gray, Reprinted, London: Heinemann, 1989, (1. Aufl. 1930).
  • Plaatje, Sol.T., Mafeking Diary: A Black Man's View of a White Man's War, Ed. John Comaroff, Reprinted, Cambridge, 1990 (1. Aufl. 1973).
  • Willan, Brian. Sol Plaatje: South African Nationalist 1876-1932, Berkeley: University of California Press, 1984.